• vom 07.11.2008, 14:36 Uhr

Kultur

Update: 11.11.2008, 14:36 Uhr

Literatur

"Sie schreibt voller Glut..."




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Von Oliver vom Hove

  • Vor hundert Jahren, am 8. November 1908, wurde die Schriftstellerin Martha Gellhorn geboren - zwei ihrer Bücher liegen nun in deutscher Übersetzung vor
  • Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie gut Martha Gellhorn schreiben kann. Sie ist jung, hübsch, Collegeabsolventin, aus gutem Hause, kommt von der Junior League her und besitzt in ihrer Kleidung und in ihrem Esprit´ etwas exquisit Pariserisches. Sie hat Verständnis für Menschen und Situationen und kann sie für uns lebendig machen. Wir müssen ihr dafür dankbar sein, denn wir haben ihre Erläuterungen bitter nötig, um einander besser verstehen zu lernen."

Martha Gellhorn im Spanischen Bürgerkrieg. Vorne ihr Mann, Ernest Hemingway. Foto: Hemingway Collection, John F. Kennedy Library and Museum, Boston.

Martha Gellhorn im Spanischen Bürgerkrieg. Vorne ihr Mann, Ernest Hemingway. Foto: Hemingway Collection, John F. Kennedy Library and Museum, Boston. Martha Gellhorn im Spanischen Bürgerkrieg. Vorne ihr Mann, Ernest Hemingway. Foto: Hemingway Collection, John F. Kennedy Library and Museum, Boston.

Es war niemand Geringerer als die First Lady der Vereinigten Staaten, Mrs. Eleanor Roosevelt, die sich Anfang August 1936 so begeistert über eine Reporterin äußerte, die im Auftrag der Federal Emergency Relief Administration in ganz Amerika herumgereist war und durch Befragungen die elende Lage der Arbeitslosen-Heerscharen im Gefolge der Großen Depression erkundet hatte. Martha Gellhorns aufrüttelnde Berichte waren soeben unter dem Titel "The Trouble I´ve Seen" in einer amerikanischen Ausgabe erschienen, nachdem sie zuvor schon, auf Empfehlung von H. G. Wells und versehen mit einem Vorwort von ihm, vom berühmten Verleger Putnam in England herausgebracht worden waren.


Die Begeisterung der First Lady über diese Feldstudien, die den Landsleuten gleich in mehreren ihrer regelmäßig erschienenen "My Day"-Kolumnen zur Kenntnis gebracht wurden, teilte sie mit Dorothy Thompson, der Großkritikerin der "New York Herald Tribune", ebenso wie mit dem nicht minder einflussreichen Rezensenten Lewis Gannett, der in seiner Besprechung in der "Saturday Review of Literature", die von vielen Zeitungen nachgedruckt wurde, neben einem Foto der gutaussehenden Autorin fragte: "Wer ist diese Martha Gellhorn? Sie schreibt voller Glut... Selbst Hemingway gibt die amerikanische Sprechweise nicht authentischer wieder. Und was die Sparsamkeit des Ausdrucks angeht, kann Ernest Hemingway Martha Gellhorn auch nichts mehr beibringen."

Wie sehr der Kritiker mit dieser Bemerkung recht hatte, konnte er nicht ahnen. Denn drei Monate später, im Dezember 1936, traf der unstet umherschweifende Hemingway in "Sloppy Joe´s Bar" in Key West auf eine junge Frau mit schulterlangem, blondem Haar und hohen Wangenknochen, deren hochgewachsene Gestalt, gekleidet in ein schlichtes schwarzes Baumwollkleid, ihn sogleich in Bann zog. Sie war in Begleitung einer älteren Frau und eines jungen Mannes, die sich, als das Trio am nächsten Nachmittag wiederkehrte und mit Hemingway ins Gespräch kam, als Marthas Mutter und ihr Bruder Alfred zu erkennen gaben.

Die Begegnung kam dem in zweiter Ehe mittlerweile gelangweilt dahinlebenden Schriftsteller gerade recht, hegte er doch längst die Absicht, sich in die Abenteuer des Spanischen Bürgerkriegs zu stürzen und diese mit einer Gefährtin zu teilen, die nicht seine Frau war. Martha machte es dem notorisch jagdlüsternen Hemingway aber nicht leicht, sie für sich zu gewinnen. Doch schließlich gab sie seinem Drängen nach und brannte mit ihm durch, erst in Richtung Norden, dann nach Spanien, und endlich in eine nur fünf Jahre kurze, überaus unglückliche Ehe. Der entflammte Ehemann freilich verklärte flugs seine neue Beziehung in der Liebesgeschichte des Bürgerkriegskämpfers Robert Jordan zur handlichen Mitstreiterin und Geliebten Maria in dem berühmten Roman "Wem die Stunde schlägt", dem die Widmung "Für Martha Gellhorn" vorangesetzt ist.

Eine Draufgängerin

Das Frauenideal Hemingways indes, das darin gezeichnet wird, entsprach so gar nicht dem Vorbild. Martha Gellhorn war kein anschmiegsames, kurzgeschorenes "Kaninchen", wie es im Roman in Gestalt des Mädchens Maria dem wackeren Robert Jordan zugesellt wird. Vielmehr war sie, Tochter einer frühen Vorkämpferin für die Frauenrechte, im Leben wie in der Liebe eine Draufgängerin. Im Alter von Mitte Zwanzig hatte sie sich in Frankreich mit Bertrand de Jouvenel verlobt, dem seine erste Frau die Scheidung verweigerte, sodass eine Heirat mit Martha nicht zustandekam. Bertrand de Jouvenel hatte in seiner Heimat nicht nur als Publizist Berühmtheit erlangt, sondern auch als literarische Figur, war er doch, nach einer Affäre, die er als 16-jähriger mit seiner Stiefmutter Colette eingegangen war, zur Titelgestalt von deren vielgelesenem Roman "Chérie" avanciert.

Nein, Hemingway konnte Martha Gellhorn nichts mehr beibringen, auch nicht was ihre Stilkunst anlangte. Ihr Ruf als ebenso kompetente wie wortmächtige Berichterstatterin, sei es über Politik, sei es über Mode, hatte sich längst schon über Amerikas Grenzen hinaus verbreitet. Aus dem von Francos Truppen umzingelten Madrid schickte sie 1937 ihre Augenzeugen-Reportagen, in denen sich exakt recherchiertes Detailwissen mit stark persönlichen Kommentaren mischte, an den elitären "New Yorker" ebenso wie an populäre US-Magazine wie "Collier´s Weekly", das über zehn Millionen Leser erreichte. Aus Deutschland hatte sie über die Umtriebe der Nazis berichtet. Seit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs war Martha Gellhorn an entscheidenden Schauplätzen anzutreffen, im finnischen Karelien, in Prag, Paris, London. 1944 war sie bei der Invasion der Alliierten in der Normandie ebenso dabei wie beim Sturz Mussolinis in Italien. Dachau besichtigte sie kurz nach der Befreiung, mit schrecklichen Eindrücken, die sie lange quälten.

Kriegsberichterstatterin blieb sie zeitlebens. Sie beobachtete die Ereignisse während des japanisch-chinesischen Kriegs in China ebenso wie beim amerikanischen Kriegseinsatz 1966 in Vietnam. Seit den siebziger Jahren indes hielt sie sich gern in Ostafrika auf. Dorthin entführen auch jene drei Novellen, die nun unter dem Titel "Das Wetter in Afrika", rechtzeitig zum 100. Geburtstag der Autorin (am 8. November), neu erschienen sind. Sie versammeln alle Vorzüge, die von den Reportagen der Autorin, aber auch von der früheren Novellensammlung "Paare" her bekannt sind: scharfäugige Beobachtung, weltläufige Menschen- und Milieukenntnis, eine lakonische, auf den Überraschungspunkt zusteuernde Ausdrucksweise, einen sicheren Griff zum außergewöhnlichen Fall.

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Literatur, Autoren

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Dokument erstellt am 2008-11-07 14:36:31
Letzte Änderung am 2008-11-11 14:36:00


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