• vom 10.10.2008, 14:10 Uhr

Kultur

Update: 10.10.2008, 14:12 Uhr

Literatur

Zündflug des Gedankens




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Von Otto A. Böhmer

  • Philosophen und Dichter spüren immer wieder aufs Neue dem "sublimen Schauer" der Inspiration nach
  • Dass Literatur von Inspirationen lebt, ist eine verbreitete und, letztlich, wohl auch begründete Annahme, die allerdings etwas in die Jahre gekommen ist - so wie die Literatur insgesamt etwas in die Jahre gekommen ist und sich doch immer noch wacker schlägt.

In ernüchterten Zeiten vertraut man weniger auf Inspirationen, die es schwer haben, wenn das Wissen wuchert und das Geheimnis schwindet; zu bedeckt hält sich ein einstmals schönes und nun sehr angegriffenes Leben, zu zäh kommt ein Pflichten- und Stimmungsalltag daher, als dass aus ihm noch zündende Funken zu schlagen wären. Dabei machte der Zündflug des Gedankens das Wesen der Inspiration (das lateinische Wort meint "Einatmung", "Einhauchung") aus: er traf, traf zu, und Erleuchtung, Eingebung, Erhellung waren die Folge. Wer das Glück hatte, inspiriert zu sein, wurde ergriffen: "Man zog ein Gesicht dazu wie zu einem Gebet, und hielt den Schritt an", schreibt Nietzsche in der "Fröhlichen Wissenschaft", "ja man stand stundenlang auf der Straße still, wenn der Gedanke ,kam´... So war es der Sache ,würdig´".


Inspirationen sind unterschiedlich intensiv, wie auch die Gefühle, die uns zusetzen, unterschiedlich intensiv sind. Entsprechend fallen die Wertungen aus, die wir mit ihnen verbinden; wir hätten es gerne groß und heftig, haben indes, begründeterweise, Angst davor und sind zuletzt froh und dankbar, wenn wir es überhaupt noch schaffen, fortzukommen von den gewöhnlichen Beschwernissen, vom unspektakulären Lasten- und Leidensdruck, vom Missmut des Positiven, und sei es nur für den einen erfüllten Augenblick, in dem das absolute Genügen, Entrückung und Klarsichtigkeit ohne Ich sich ereignet.

In der Geistesgeschichte waren es denn auch meist die großgemusterten Erleuchtungen, die von sich reden machten; leidenschaftliche Zumutungen, Blitzeinschlag im Kopf, Einflüsterungen auf Dauer und Widerhall, die das Wahre, "das Licht einer wunderbaren Einsicht" erahnen ließen. Das Ganze vollzog sich ungestraft und durfte nur unwiderstehlich sein: "Eine wahrhaft beglückende, entrückende, zweifellose und gläubige Inspiration", glaubt der Teufel in Thomas Manns "Doktor Faustus" versprechen zu können, "eine Inspiration, bei der es keine Wahl, kein Bessern und Basteln gibt, bei der alles als seliges Diktat empfangen wird, der Schritt stockt und stürzt, sublime Schauer den Heimgesuchten von Scheitel zu den Fußspitzen überrieseln, ein Tränenstrom des Glücks ihm aus den Augen bricht."

Eine solche massive, vor Gedankengewalt nicht zurückschreckende Einwirkung hatte schon Nietzsche, von dem Thomas Mann bekanntlich viel hielt, der Inspiration zugeschrieben und damit auch ja vor allem sich selbst gemeint: "Man hört nicht, man sucht nicht", heißt es in "Ecce Homo", "man nimmt, man fragt nicht, wer da giebt; wie ein Blitz leuchtet ein Gedanke auf, mit Nothwendigkeiten, in der Form ohne Zögern - ich habe nie eine Wahl gehabt. Eine Entzückung, deren ungeheure Spannung sich mitunter in einen Thränenstrom auslöst...; eine Glückstiefe, in der das Schmerzlichste und Düsterste nicht als Gegensatz wirkt, sondern als bedingt, als herausgefordert... Alles geschieht im höchsten Grade unfreiwillig, aber wie in einem Sturme von Freiheits-Gefühl, von Unbedingtsein, von Macht, von Göttlichkeit... Es scheint wirklich, um an ein Wort Zarathustras zu erinnern, als ob die Dinge selber herankämen und sich zum Gleichnisse anböten."

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Schlagwörter

Literatur, Philosophie

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Dokument erstellt am 2008-10-10 14:10:39
Letzte Änderung am 2008-10-10 14:12:00

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