• vom 04.06.2005, 00:00 Uhr

Kultur


Museum of Young Art in Wien eröffnet

Sogar ein Mikrowellenherd!




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Von Claudia Aigner

  • In Wien hat sich ein neues Akronym einquartiert: MOYA. Das wohnt gleich neben dem Burgtheater. In der Löwelstraße 20. In der Beletage (salopp gesagt: im ersten Stock). Und hat von dort viel Bellevue (schöne Aussicht) auf die neugotischen Gipfel vom Rathaus und auf den Schanigarten vom Café Landtmann. Kann den Leuten aber wahrscheinlich vom 15 Meter langen Balkon trotzdem nicht in die Melange spucken.

MOYA-Chef Kolja Kramer vor seinem Museum. MOYA

MOYA-Chef Kolja Kramer vor seinem Museum. MOYA MOYA-Chef Kolja Kramer vor seinem Museum. MOYA

MOYA - das wird doch nicht die "Männer ohne Yuccapalme"-Assoziation sein, die Vereinigung der Grünpflanzenlosen? Nein, die bräuchten für ihre Gießkannenverweigerung wohl keine 600 Quadratmeter versiegelten Parkettboden. Vielmehr handelt es sich um das gerade erst in den ersten Bezirk hineingepflanzte Museum of Young Art.


Young? Ja, die ausstellenden Künstler sollten es tunlichst unterlassen, vor 1960 geboren worden zu sein. Gegründet hat das Museum, das sich hungrig auf die junge europäische Kunst stürzen will, Kolja Kramer (Moment, den kennt man doch als den "Macher" von der mittlerweile alljährlichen "art position", dieser Überblicksausstellung zu österreichischer Jungkunst in der Ottakringer Brauerei!).

"Salon Bichlmaier": Wer ist denn bloß der Herr Bichlmaier? Ein vergessener Biedermeiermaler? I wo. Der hat, glaub ich, etwas mit Parkraumbewirtschaftung zu tun. Und wieso da im MOYA so Namen an den Wänden stehen, viel, viel größer als auf den Beschriftungskärtchen der Kunstwerke? Weil man mit dem MOYA eng befreundet sein kann (schon ab ein paar Tausend Euro) beziehungsweise spezielle Ausstellungsprogramme fördern kann. Auch gemietet können die Salons werden. Um den Komfort zu komplettieren, ist, wie der brav auflistende Werbefolder anpreist, auch Starkstrom vorhanden. Und sogar ein Mikrowellenherd.

Die Eröffnungsausstellung (bis 28. Juni) ist gewissermaßen symbolisch: eine symbolische Europäische Union. Aus jedem der Mitgliedsstaaten und Beitrittswerber hat sich Kramer zusammen mit den Botschaften der Länder einen einzigen Kunstschaffenden herausgepickt. Leider hat man auf die abstrakte Kunst ein bissl vergessen. Aber ansonsten ist der fast alles durchwehende Wille zum technischen Können ziemlich erfreulich. Natürlich entgeht einem auch der Hang zum Gesitteten, "Stubenreinen" nicht, die "museale Sauberkeit". Das "Ästhetische". Etwa die stilvollen, wohlproportionierten Fotos von Chloe und George Potter, die die Ideale alter Gemälde wiederauferstehen lassen. Fotos wie gefirnisst.

Mein absoluter Liebling ist ja Kroatien, pardon: Kristian Kozul. Opulent kitschige Porzellan-Romantik. Porzellan im festlichen Ausnahmezustand. Sein porzellanenes Füllhorn ist nämlich eindeutig keine unverblümte, sondern eine extrem verblümte, mit Blüten übersäte Phallusumschreibung. Und dabei so herzzerreißend unschuldig wie ein Teeservice im Nostalgie-Großmutter-Jausenlook. Und erst die Anhäufungen lieblicher Porzellanbrüstchen an der Wand . . . Anbetungswürdig.

Slowakei: Dorota Sadovska. Ja, die hat Malkultur, einen akademischen Pinsel, der ungewöhnliche Bilder von nackenden Heiligen aus manieristischen Blickwinkeln malt. Aber wieso sind die alle gelb? Vielleicht weil sie mit dem Göttlichen kommunizieren und auch der Götterbote Hermes gelb gewandet war, der Mittler zwischen Menschen und Überirdischem, der transzendentale Briefträger.

Eine Sache stieß mir freilich auf. Die befremdlichen, glatten Darstellungen von deutschen Wehrmachtssoldaten, die mit dem Panzer in den Zweiten Weltkrieg ziehen. Vor denen musste ich ein Bäuerchen des Missvergnügens machen (und das lag sicher nicht nur an der Kohlensäure im zartrosa Erfrischungsgetränk, das mir vorher gereicht worden war). Was ist dem Michael Ornauer (Österreich) da eingefallen? Und dazu der religiös pathetische Titel: "Wer mit dem Schwert kommt . . ."

So was Ähnliches sagte doch dieser Pazifist, die Hauptfigur im Neuen Testament, nachdem einer seiner Friedensaktivisten einem Soldaten ein Ohr abgehauen hatte: "Wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen."



Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2005-06-04 00:00:01
Letzte Änderung am 2005-06-03 19:31:00

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