• vom 31.07.2004, 00:00 Uhr

Kultur

Update: 29.03.2005, 10:26 Uhr

Interview mit Tankred Dorst

Der Dramatiker Tankred Dorst ist am Wochenende als "Dichter zu Gast" bei den Salzburger Festspielen




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief





  • Die "Wiener Zeitung" traf Tankred Dorst in seiner Münchner Wohnung und sprach mit ihm über die utopische Suche nach dem Glück, seine Vorliebe für Eigenbrötler, die Zeit in US-Gefangenschaft und weshalb Dichter keine Ärzte sind.

"Wiener Zeitung": Herr Dorst, was haben Sie gegen glückliche Menschen?


Tankred Dorst: Nichts, wieso?

"Wiener Zeitung": Weil glückliche Menschen in Ihren Texten so gut wie nie vorkommen.

Tankred Dorst: Die Suche nach dem Glück ist für mich wie die Suche nach dem Gral: etwas Utopisch-Paradiesisches, das man nie findet. Die Menschen suchen es so heftig, weil sie lieber ihren Fantasien und Einbildungen folgen als ihrer Vernunft. Über Glücksvorstellungen habe ich - mit Ursula Ehler - einen Erzählband geschrieben, "Der schöne Ort", erscheint im kommenden Herbst. Der schöne Ort steht für das Glück.

"Wiener Zeitung": Werden die Figuren glücklich?

Tankred Dorst: Das mag dem Leser überlassen bleiben.

"Wiener Zeitung": Sie haben eher eine Vorliebe für Außenseiter, Dickschädel und Weltverbesserer. Was fasziniert Sie an Outlaws?

Tankred Dorst: Vielleicht rührt meine Sympathie daher, dass ich mich selber immer als Außenseiter gefühlt habe. Ich versuche, das Besondere am Einzelnen zu beschreiben, da wird man bei Außenseitern leichter fündig. Der Wahnsinn, der in der bürgerlichen Gesellschaft steckt, drückt sich in den Eigenbrötlern deutlicher aus.

"Wiener Zeitung": Sie wollten auch über Ihre Zeit in US-Gefangenschaft schreiben. Haben Sie damit schon begonnen?

Tankred Dorst: Noch nicht. Aus der Sicht des 17-Jährigen, der ich damals war, will ich erzählen, wie ich nach vier Wochen Kriegseinsatz in amerikanische Gefangenschaft gekommen bin und drei Jahre lang in Amerika inhaftiert war. Die Gefangenschaft war meine Universität, ich habe dort soviel gelernt, wie nie wieder im Leben.

"Wiener Zeitung": Wer waren Ihre Professoren?

Tankred Dorst: Die 200 Mitgefangenen in der Baracke, die 4.000 oder 6.000 in den Lagern. Da waren Freunde und Feinde darunter, Spinner und Verrückte, Nazis und Anti-Nazis; Typen unterschiedlichster sozialer Herkunft, die ich außerhalb dieser extremen Situation - Krieg und Gefangenschaft - wahrscheinlich nie kennen gelernt hätte.

"Wiener Zeitung": In Ihren Stücken tauchen häufig unerklärlich böse Figuren auf. Was fasziniert Sie am Bösen?

Tankred Dorst: Das Böse ist ein Teil des Menschseins, auch wenn wir es lieber verbergen.

"Wiener Zeitung": Sie haben mit vielen Regisseuren - allen voran Peter Zadek - eng zusammengearbeitet. Was für Erfahrungen haben Sie dabei gesammelt?

Tankred Dorst: Erfahrungen sind auch eine Gefahr. Man sollte sich nicht zu sehr darauf verlassen, das engt die Fantasie ein. Jedes Mal, wenn ich ein Stück anfange, muss ich für den Stoff eine eigene, eine neue Dramaturgie erfinden.

"Wiener Zeitung": Kritiker haben Ihnen vorgeworfen, routiniert und fleißig, aber nicht allzu genial zu sein.

Tankred Dorst: Wer ist genial? Alles mögliche wird einem vorgeworfen. Was soll man machen, es gibt verschiedene Ansichten. Als ich jung war, hat mich Kritik beschäftigt, heute mache ich meine Sachen und fertig.

"Wiener Zeitung": Sie haben sich häufig über das Theater geäußert. Lassen Sie uns anhand dreier Statements überprüfen, ob sie noch gelten. Als gerade entdeckter Jungautor haben Sie 1962 geschrieben: "Theater ist ein absoluter Ort".

Tankred Dorst: Ich war der Meinung, dass der pure Realismus mit einer politischen Message nicht funktioniert. Das denke ich übrigens heute noch. Damals habe ich für ein Marionettentheater geschrieben. Wir hatten Vorstellungen von einem Theater, das zurück zu Formen wie der Commedia dell'arte kehren sollte oder, das aussieht wie das triadische Ballett von Oskar Schlemmer.

"Wiener Zeitung": "Theater ist eine Institution zur Rettung der Menschen", so euphorisch waren Sie im Jahr 1983.

Tankred Dorst: Das Theater ist ein Ort der tätigen Reflexion: Der Mensch soll sehen wie er ist, wie er sein könnte oder wie er besser nicht sein sollte. Wenn der Mensch über sich nachdenkt, das könnte ihn doch auch retten, oder?

"Wiener Zeitung": "Wir sind nicht die Ärzte, sondern der Schmerz", haben Sie 1992 über die Dichter gesagt.

Tankred Dorst: Auch das gilt noch: Ich habe kein Lebensrezept, keine Antwort darauf, wie man richtig leben sollte. Ich kann als Autor nur Fragen stellen, feststellen, wo es schmerzt. Die Antwort muss der Zuschauer finden.

"Wiener Zeitung": Sie engagieren sich sehr für junge Dramatiker: Sei es als Lehrender an der Universität oder als künstlerischer Leiter der Bonner (bzw. Wiesbadner) Biennale. 1992 gegründet, ist die Biennale mit ihrem weit gespannten Netzwerk wohl das bedeutendste Festival des europäischen Dramas. Glauben Sie, dass sich ein zeitgenössisch-europäischer Spielplan wirklich durchsetzen kann?

Tankred Dorst: Wir wollten zeigen, wie vielfältig die europäische Theaterwelt ist. Dabei haben wir die Eigenarten der einzelnen Länder und ihrer Sprachen dokumentiert und keine Wilson-Kopie aus der Ukraine oder Castorf auf Isländisch eingeladen. Aber die Öffnung der Grenzen birgt gerade für junge Autoren auch Nachteile: allein mengenmäßig wird die Konkurrenz größer.

"Wiener Zeitung": Bei den Salzburger Festspielen wird ihr Opus magnum "Merlin" erstmals ungekürzt in einem Theater gelesen. Was sagen Sie dazu?

weiterlesen auf Seite 2 von 2



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2004-07-31 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-29 10:26:00


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Wie weit darf Kunst gehen?
  2. Der Herr des Rings
  3. Neuer Träger des Iffland-Rings ist noch geheim
  4. Ein Ritt mit dem Teufel
  5. Karl Lagerfelds unermüdlicher Gestaltungswille
Meistkommentiert
  1. Thomas Bernhard, noch immer - naturgemäß
  2. Unsoziale Medien
  3. Der Herr des Rings
  4. "Grâce à dieu": Den Schmerz zerreden
  5. Brexit-Erzählungen

Werbung





Werbung