• vom 03.01.2003, 00:00 Uhr

Kultur

Update: 08.04.2005, 09:33 Uhr

Karl Österreicher hätte heute 80. Geburtstag gefeiert

Der große Lehrmeister




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Von Edwin Baumgartner

Es gehört unendlich viel Bescheidenheit und menschliche Größe dazu, die eigene Pultkarriere hintan zu setzen und sich der Ausbildung junger Dirigenten zu widmen. Karl Österreicher besaß diese Bescheidenheit und menschliche Größe. Heute wäre der Lehrer zweier Generationen von Dirigenten 80 Jahre alt geworden.


Österreicher wurde in Rohrbach a. d. Gölsen (Niederösterreich) geboren, studierte an der damaligen Musikakademie Klarinette bei Leopold Wlach und "Kapellmeister" bei Hans Swarowsky.

Swarowsky seinerseits war damals der weltweit wahrscheinlich bedeutendste Dirigenten-Ausbildner. Österreicher wurde sein Assistent, und zahlreiche Swarowsky-Schüler, etwa Mariss Jansons, berichten, wie wichtig gerade dieser Assisten Karl Österreicher für sie war. 1964 übernahm Österreicher die Leitung des Hochschulorchesters, 1969 wurde er zum außerordentlichen, 1973 zum ordentlichen Hochschulprofessor für Dirigentenausbildung ernannt. 1992 emeritierte Österreicher, war aber künstlerisch weiterhin unermüdlich tätig. Am 11. März 1995 ist Karl Österreicher im Krankenhaus in St. Pölten gestorben.

Österreichers Bedeutung als Dirigent stand stets im Schatten seiner Lehrtätigkeit - zu Unrecht: Österreicher war einer jener Interpreten, die nicht sich selbst, sondern das Werk ins Zentrum des Interesses rückten. Und er war ein erstaunlich modern denkender Musiker. In einer Zeit beispielsweise, da Bruckner-Aufführungen (etwa von Karajan) als weihrauchvernebelte Gottesdienste zelebriert wurden, legte Österreicher in scharf konturierten, mitunter sogar schroffen, immer jedoch klaren Interpretationen die Strukturen von Bruckners Symphonien bloß. Für einen ähnlichen, nur viel schwächeren Zugriff sollte Günter Wand später gefeiert werden, während der Name Karl Österreicher meist nur als Lehrer in den Dirigenten-Verzeichnissen vermerkt wurde. Gerecht ist es schon damals nicht zugegangen in der Musikwelt.

Bedeutung erlangte Österreicher aber auch als Interpret zeitgenössischer Musik österreichischer Komponisten, und er war einer der ersten, die Franz Schmidts Bedeutung, speziell die seiner vierten Symphonie, schon zu einer Zeit erkannten, als man Schmidt wegen dessen Nahverhältnis zum Nationalsozialismus noch totzuschweigen versuchte.

Österreichers Bedeutung als Lehrer ist immens: Er hatte ein feines Gespür für musikalische Begabung, reine Selbstdarsteller brachten es bei ihm nie weit. Was er seinen Schülern beibrachte, war oberflächlich gesehen die Technik einer unmissverständlichen Zeichengebung. Tatsächlich aber förderte er die Individualität. Dank seiner Flexibilität konnte er sich auf Interpretationsansätze seiner Schüler einstellen und ihnen Inkosequenzen begreiflich machen. Er formte Persönlichkeiten - nicht nach seinem Vorbild, sondern er verhalf zum Mut, eigenständig zu denken. Nur so konnte es geschehen, dass so viele unterschiedliche Temperamente aus seiner Klasse hervorgingen, etwa Jesus Lopez-Cobos, Carlos Kalmar, Dimitri Kitajenko, Garcia Navarro, Daniel Nazareth und Arild Remmereit, um nur einige der Besten zu nennen.

Menschlich und fachlich war Karl Österreicher das Idealbild eines Typus, der heute auf schmerzliche Weise fehlt: Der eines Lehrers und Meisters in einer Person.



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Dokument erstellt am 2003-01-03 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 09:33:00

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