• vom 15.11.2000, 00:00 Uhr

Kultur

Update: 08.04.2005, 09:44 Uhr

Im Rahmen einer Gedenk-Soiree für Paula Wessely:

Annemarie Düringer erhielt den Alma-Seidler-Ring




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Kammerschauspielerin Annemarie Düringer, die am 26. November ihren 75. Geburtstag feiert, ist Montagabend im Rahmen einer Gedenk-Soiree für Paula Wessely im Wiener Akademietheater der Alma- Seidler-Ring überreicht worden. Wessely, die im Mai im Alter von 93 Jahren verstorbene Doyenne des Burgtheaters und bisher einzige Trägerin dieser Auszeichnung, hatte in einer testamentarischen Verfügung Düringer als Nachfolgerin bestimmt, die damit als "bedeutendste und würdigste Bühnenkünstlerin des deutschsprachigen Theaters" geehrt wird.


Die Schauspieler Regina Fritsch, Gertraud Jesserer, Burgdoyen Michael Heltau, Joseph Lorenz, Robert Meyer und Heinrich Schweiger zeichneten mit Texten und Erinnerungen von Edward Albee bis Carl Zuckmayer den Lebenslauf der Wessely nach, mit deren Tod, so Burgtheater-Direktor Klaus Bachler, auch eine Epoche zu Ende gegangen sei. Dazwischen wurden Dias gezeigt und Ausschnitte aus Filmen und Aufführungen, darunter aus Schnitzlers Drama "Das weite Land", in dem Wessely 1959 gemeinsam mit Alma Seidler auf der Bühne stand.

Dabei kamen auch recht überraschende Charakterzüge der Jahrhundertschauspielerin zu Tage, die nicht unbedingt zu der mütterlichen Opferrolle passen, mit der sie so gern identifiziert wird. So sorgte Wessely 1929 für einen kleineren Presse-Eklat, als sie sich - immerhin fünf Jahre nach ihrem Schauspieldebüt am Wiener Deutschen Volkstheater und zwei Jahre vor ihrem großen Durchbruch als "Rose Bernd" in Berlin - weigerte, bei ihrem Antritt am Theater in der Josefstadt wieder nur ein Stubenmädel zu spielen, und sich in ein Sanatorium zurückzog. Sie setzte sich durch, und ihr Ehrgeiz machte sich bezahlt.

Wesselys umstrittene Karriere in Nazi-Deutschland wurde mit dem Hinweis abgehandelt, dass sie vorwiegend in unpolitischen Produktionen gespielt habe. "Nur einmal ging sie in die Falle, durch ihre Mitwirkung in dem Nazi-Propaganda-Film ,Heimkehr´ von Gustav Ucicky." Unerwähnt blieb aber, dass sie auch nach Kriegsende noch in ihrer eigenen Produktionsfirma politisch belastete Regisseure beschäftigte.

Unerwähnt blieb auch - hatte man sich nicht abgesprochen? - der Werdegang Düringers, die den Alma-Seidler-Ring aus den Händen von Kunststaatssekretär Franz Morak (V) empfing. Düringer muss nun innerhalb von drei Monaten wiederum eine Nachfolgerin bestimmen, die nach ihrem Tod den Ring tragen soll, der 1978 von der Bundesregierung zum Andenken an die Burgschauspielerin Alma Seidler (1899 bis 1977) gestiftet wurde. Die gebürtige Schweizerin ist seit 1949 Ensemblemitglied des Burgtheaters. Ihre bisher letzte Premiere am Burgtheater feierte sie im April 1999 in Eugene Ionescos Klassiker "Die Stühle". Vergangenen Mai präsentierte sie im Akademietheater ihren Soloabend "Wunderlichstes Buch der Bücher/Ist das Buch der Liebe", und ab Dezember ist sie in Peter Zadeks Inszenierung von Henrik Ibsens "Rosmersholm" als Frau Helseth zu sehen.

Sie sei stolz, den Ring zu tragen, bekannte Düringer, und wolle sich nicht länger fragen, womit sie ihn verdient habe. In ihrer Rede warnte die Schauspielerin vor einem Niedergang der Sprache, die im Medienzeitalter von "medialen Kürzeln und Verhunzungen" bedroht sei. "Die Sprache als elementarste Form menschlicher Kultur ist unsere Existenzberechtigung und muss ihren unbestrittenen Platz auch in einer noch so nüchternen Informationsgesellschaft einnehmen. Für den Schauspieler muss der Mensch das Maß aller Dinge bleiben. Möge Gott diesem Haus die Kraft geben, in diesem Sinn all diese Gefahren zu bestehen." Standing Ovations.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2000-11-15 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 09:44:00

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