Rund 40 Namen österreichischer Kunsthändler und -sammler, die mit Raubkunst der Nazis gehandelt haben sollen, finden sich auf einer Liste, die der Jüdische Weltkongreß (WJC) am Dienstag in New

York veröffentlicht hat. Die 170 Seiten lange Liste umfaßt insgesamt über 2.000 Namen von Kunsthändlern und Sammlern, die mit Raubkunst gehandelt und ihr Geschäft nach dem Zweiten Weltkrieg meist

ohne Folgen weiter betrieben haben sollen. Die Aufstellung soll als Diskussionsgrundlage für eine Anfang Dezember geplante Konferenz in Washington dienen, die sich mit während der Nazizeit geraubtem

Eigentum beschäftigt.

Nach früheren Schätzungen belief sich der Wert von im Zweiten Weltkrieg geraubten Kunstwerken auf (nach damaligem Wert) rund 2,5 Mrd. Dollar (nach heutigem Kurs: 29,5 Mrd. Schilling). Die Liste wurde

von der Abteilung für Kunstraub-Ermittlungen im "Office of Strategic Services" (OSS), dem Vorgänger der CIA, zusammengetragen und im Mai 1946 dem US-Außenministerium vorgelegt.

Die Schweizer Nachrichtenagentur SDA veröffentlichte am Dienstag die auf die Schweiz bezogene Liste des Berichts mit 73 Namen von Galeristen, Kunsthändlern und anderen Personen. In dieser Liste

findet sich auch der Eintrag "Wotruba, Vienna?, Austrian sculptor, resident in Switzerland during World War Two". (Den Angaben zufolge sind mit Fragezeichen versehene Namen nicht genau entzifferbar.)

Die Zuordnung nach Ländern ist in der OSS-Aufstellung mit Stand 1946 nicht zwingend. Es kann der Fall sein, daß Angehörige anderer Nationalität in Länderlisten aufgeführt werden, wenn sie zu dieser

Zeit in diesem Land gewohnt haben oder längere Zeit dort aktiv waren.

In dem "biographischen Index" werden von Seite 17 bis Seite 170 in zehn Kapiteln Namen von über 2.000 Personen aus elf Ländern aufgezählt: Deutschland und Österreich werden in einem Kapitel

behandelt, weiters in je einem Kapitel Frankreich, Schweiz, Holland, Belgien, Italien, Spanien, Portugal, Schweden und Luxemburg. Die Namen der Personen (in einigen Fällen nur der Nachname) werden

von kurzen Beschreibungen der damaligen Funktionen bzw. Berufe, Querverbindungen zu anderen Personen, Zugehörigkeit zu Institutionen sowie, so bekannt, der Angabe des letzten 1946 bekannten

Wohnsitzes ergänzt.

Auszüge aus der Liste

Von Seite 17 bis Seite 85 werden jene Personen aus Österreich und Deutschland genannt, die nach Ansicht des OSS in Kunstraub involviert gewesen seien. Unter ihnen befinden sich auch noch die

folgenden Namen bzw. Institutionen samt den entsprechenden Anmerkungen (Auszüge, wobei die Schreibungen des Dokuments weitgehend beibehalten wurden):

Gert Adrian: Direktor des Kunsthistorischen Museums, Wien.

Dr. Walter Borchers, Schloß Kogl, Attergau. Führender Kunsthistoriker, dem ERR-Personal (Anm.: ERR bedeutet Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg) zugeteilt. Leitete die Arbeitsgruppe Louvre.

Buerkel, Gauleiter von Wien, der die konfiszierten Sammlungen von Alphons und Luis Rothschild aus Wien Hitler präsentierte. Gab an, die besten Objekte der Sammlung für sich selbst behalten zu haben.

Dr. Demmel, Wien, Mitglied von Mühlmanns Spezialkommission für Kunstkonfiszierungen in Krakau.

Dorotheum, Wien, Dorotheergasse 17. Wichtigstes österreichisches Auktionshaus. Geleitet von Dr. Herbst, aktiver Kunstankäufer in allen besetzten Ländern.

Dr. Fritz Dworschak: Früherer Münzenkurator am Kunsthistorischen Institut. Starkes Parteimitglied, das mit Seyss-Inquart und Mühlmann, ab 1943 verantwortlich für die Münzsammlung, die für Linz

zusammengestellt wurde, assistiert wurde ihm von Frau Dworschak.

August Eigruber: Gauleiter von Oberdonau (Österreich), ordnete die Zerstörung von Kunstwerken an, die im Salzbergwerk von Altaussee gelagert waren.

Prof. Richard Ernst, Wien, Stubenring 5. Ehemaliger Kurator des Kunsthistorischen Museums Wien. Aktiv bei Plünderungen in Frankreich und Holland, als Mitarbeiter der ERR und der Dienststelle

Mühlmann.

Galerie Fellner, Linz. Aktiv in Frankreich. Lieferte durch (Anm.: Spedition) Schenker. In Kontakt mit (Anm.: der Salzburger Galerie) Welz.

Major Fabian: In Verbindung gebracht mit Baldur von Schirach, der Wiener Kunstwerke aus der Mine Lauffen entfernte.

Galerie Fellner: Linz, aktiv in Frankreich, Transporte über Schenker Co., in Verbindung mit Welz.

Frl. Fels: Moritzburg, nahe Dresden, 1944 Nachfolger von Örtel, zuständig für Gemälde.

Dr. Walter Fresacher: Villach oder Klagenfurt, wird für das Plündern von Archiven in der adriatischen Militärzone verantwortlich gemacht.

Dr. Walter Frodl: Verantwortlicher für Kunstschutz in Italien, soll konfisziertes Eigentum von Triest an Museum in Klagenfurt geschickt haben, arbeitete mit Erika Hanfstängl.

Wolfgang Gurlitt: Bad Aussee, Österreich, Cousin von Hildebrandt Gurlitt, früherer Berliner Händler, Kontaktmann von Voss, nicht schwerwiegend verwickelt in Plünderungen oder Kunstankäufe für

deutsche Machthaber.

Frau Händler: Altaussee, Österreich, Chefassistentin von Dr. Reimer (Linz).

Dr. Hans Herbst: Wien, Dorotheergasse 17, Direktor des Auktionshauses Dorotheum, Wien, einer der Chefeinkäufer für Linz in Holland und in Paris, vor allem nach 1943.