Beträchtlicher Neid und ungeheure Vorgänge

Der 12. März 1737 ist der Glückstag der Landstände: Karl Alexander stirbt unerwartet an einem Herzinfarkt. Die Landstände übernehmen die Macht. Ihre erste Handlung ist die Verhaftung Oppenheimers. Die Anklagen lauten auf Hochverrat, Majestätsbeleidigung, Beraubung der staatlichen Kassen, Amtshandel, Bestechlichkeit, Schändung der protestantischen Religion und sexueller Umgang mit Christinnen.

Das Urteil steht fest, ehe der Prozess beginnt. Ein Jude hat in einer christlich-protestantischen Gesellschaft keinen Erfolg zu haben, er darf unter keinen Umständen lebend davonkommen. Eine Anrufung Karls VI., des Kaisers des Heiligen Römischen Reichs in Wien, Schutzherr der Juden, wird verweigert. Am 4. Februar 1738 wird Oppenheimer durch einen besonderen mechanischen Galgen zugleich erwürgt und gehängt.

Doch obwohl die Ungeheuerlichkeit der Vorgänge ins Auge springt, fällt es schwer, der vom deutschen Schriftsteller und Verleger Hellmut G. Haasis in "Joseph Süß Oppenheimers Rache" vertretenen Apologie in allen Punkten zu folgen. Denn Oppenheimer hatte eine dunkle Seite in Zusammenhang mit einer hemmungslos ausgelebten Sexualität. Es gilt als sicher, dass er obendrein zwei junge Bittstellerinnen in seinen Amtsräumen vergewaltigt hat.

Dieses Faktum lässt sich selbst dann schwer wegdiskutieren, wenn man bedenkt, dass in der fraglichen Zeit niemals eine junge Frau ohne Begleitung zu einem Mann ging, auch nicht zu einem Beamten. Wenn es dennoch geschah, war es ein Angebot: Sex gegen die Bewilligung der Bitte.

Im Prozess gegen Oppenheimer wurde von diesen Vorgängen erst großes Aufheben gemacht, dann wurden sie wieder unter den Teppich gekehrt. Der Grund: Juden war der Beischlaf mit Christinnen zwar bei Todesstrafe verboten, doch auch die Frau wäre mit dem Tod zu bestrafen gewesen. In diesem Fall ging es jedoch nicht um den Vollzug eines Gesetzes, so absurd dieses auch gewesen sein mochte, es ging einzig und allein um Rache - nicht für Oppenheimers Lebenswandel sondern für seinen Erfolg.

Der Neid und die Wut der Landstände müssen tatsächlich beträchtlich gewesen sein: Sechs Jahre lang werden Oppenheimers sterbliche Überreste in einem rot angestrichenen Käfig zur Schau gestellt. Erst 1744 werden sie abgenommen und verscharrt.

Im Grunde jedoch hängen sie weiter, bis 1925 Feuchtwangers "Jud Süß" erscheint, bis 1940 Veit Harlans Film in die Kinos kommt. Und sie werden in dem roten Käfig noch weiter hängen.

Solange, bis der Fall aufgearbeitet sein wird und sich Fakten endgültig von den antisemitischen Legenden scheiden.