"Wiener Zeitung":Sie wurden am 10. Oktober 1941 in Shanghai geboren. Die doppelte Zehn gilt in China als besondere Glückszahl. Wurden Sie von der chinesischen Kultur geprägt?

Ohne Heimatgefühle: Doch die Burg ist Schauspieler Gert Voss’ Zuhause.
Ohne Heimatgefühle: Doch die Burg ist Schauspieler Gert Voss’ Zuhause.

Gert Voss: Das könnte ich nicht behaupten. Meine Familie war allerdings von der chinesischen Kultur fasziniert. Mein Großvater, der fast 40 Jahre lang in China lebte, setze sich damit so intensiv auseinander wie meine Großmutter, die als Deutsche in China geboren wurde.

Empfanden Sie es als großen Bruch, vom Leben in Asien in einem Haus mit Bediensteten in eine Hamburger Wohnung im Nachkriegsdeutschland zu übersiedeln?

Ich war damals erst sieben Jahre alt. Für meinen Bruder und mich war die Umstellung jedenfalls viel leichter zu bewerkstelligen als für meine Eltern. Im Gegensatz zu ihnen empfand ich kein Heimweh. Das zerbombte Hamburg erschien mir damals geradezu abenteuerlich. Die Grausamkeit und Schrecken des Kriegs - als Kinder waren wir uns dessen nicht bewusst.

In Ihrer soeben erschienenen Autobiografie "Ich bin kein Papagei" erinnern Sie sich auch an die Zeit Ihrer Jugend. Etwa daran, dass Sie ein schlechter und schüchterner Schüler waren.

Es war für mich stets schrecklich, vor der Klasse aufgerufen und geprüft zu werden.

Ihre Schauspiellaufbahn begann schließlich an einer Konstanzer Provinzbühne. Was raten Sie jungen Kolleginnen und Kollegen?

Geh dorthin, wo du spielen kannst. Probier dich aus, und das kannst du nur, wenn man dir Hauptrollen gibt. Bist du an einem weltberühmten Theater engagiert und spielst dennoch nur Nebenfiguren, verpasst du den Beruf. Ist man jung, muss man große Rollen spielen.

Viele Ihrer Erfolge haben Sie mit Regisseuren wie Claus Peymann, Peter Zadek, Peter Stein, Luc Bondy und George Tabori erarbeitet, die einst den Paradigmenwechsel von der werktreuen Klassikerinszenierung zum sogenannten Regietheater einleiteten. Wie wichtig war es Ihnen selbst, elementare Sehgewohnheiten zu verändern?

Mich interessierte weniger, ob wir etwas Neues machten oder wie die Stücke aufgebrochen wurden. Mir war vielmehr die enorme Wirkung wichtig, die diese Aufführungen entfalten konnten. Wesentlich war, dass Theater beim Publikum Reaktionen auslöste - die Menschen sollten darüber reden, in der Nacht davon träumen, am Morgen weiter darüber nachdenken. Das war das Ziel.

Wurde durch Ihr langjähriges Wirken am Haus am Ring das Bild des Burgschauspielers modernisiert?

Das kann ich selbst nicht beurteilen. Als ich hierher kam, empfand ich anfangs viele Vorbehalte. Gewiss, das Burgtheater war eine bedeutende Institution: Es war, als würde man sagen, man ginge nach Hollywood oder an die Comédie Française. Damals bedeutete mir das aber nicht allzu viel. Wir waren in Stuttgart und Bochum ein besonderes Ensemble, das sich spielerisch wahnsinnig gut verstand. Wir kamen alle aus kleineren Theatern und waren, was unsere Karrieren betraf, noch Anfänger. Eine schöne Voraussetzung, um Theater zu machen, weil dadurch sämtliche Klassifizierungen entfallen. In Wien, fürchtete ich, wäre dieser Ensemble-Gedanke nicht mehr aufrechtzuerhalten, und ein Theater der Stars werde entstehen. Ich habe mich darin zum Glück getäuscht.

Wiederholt erwähnen Sie in "Ich bin kein Papagei", wie schwierig es sei, mit Schauspielkollegen offen zu sprechen, eine gute Arbeitsbeziehung aufzubauen. Ist Theater ein von Angst besetzter Arbeitsplatz?

Angst spielt eine große Rolle am Theater. Man erfährt die Furcht vor dem eigenen Versagen, die Scheu davor, sich womöglich Blößen zu geben. Man lernt nicht zuletzt, Kritik einzustecken.

Sehen Sie sich eher als Tragöde oder als Komiker?

Weder noch. Jedes Spiel muss immer beides enthalten. Es gibt im Leben nichts, das nur traurig wäre.

In ihrer Anfangszeit am Burgtheater hagelte es aggressive Drohungen gegen den damaligen neuen Direktor Claus Peymann und die von ihm verpflichteten Akteure.

Durch Erfolge in Stuttgart und Bochum waren wir daran gewöhnt, dass das Publikum auf unsere Arbeit äußerst positiv reagierte. Nicht zuletzt deshalb vermutete ich, dass eine Fortsetzung dessen in Wien eher nicht möglich sein wird. Die ersten Inszenierungen Peymanns an der Burg - etwa Thomas Bernhards "Ritter, Dene, Voss" und Kleists "Hermannschlacht" - wurden dennoch heftig akklamiert. Dass anschließend gewisse Gruppen uns regelrecht hassten und heftig gegen uns intrigierten haben, steht auf einem anderen Blatt. Vom Gros des Wiener Publikum wurden wir begeistert aufgenommen.

Dennoch blieben Sie, wie Sie in Ihrer Autobiografie schreiben, lange Zeit ein Fremder in Wien. Gilt das nach wie vor?

Ich empfände es als anmaßend, wenn ich sagen würde, ich wüsste, wie oder was ein Wiener ist. Ich bin kein Österreicher, ich war nie richtiger Hamburger, auch kein echter Rheinländer. Heimat ist dort, wo meine Frau, meine Tochter, mein Enkel leben. Wo meine Katzen sind. Es gibt keine Stadt, mit der ich Heimatgefühle verbinde. Am ehesten trifft dies vielleicht noch auf einen Ort meiner Kindheit zu: In Wasserburg am Bodensee besaß meine Großmutter einst ein kleines Haus mit Zugang zum See. Dort verbrachten wir oft die Sommerferien, meine Eltern und Großeltern sind dort begraben.