Wien. Im Ersten Weltkrieg erhält Bernard Darley, Soldat der Royal Air Force, den Befehl, einen Brand in einer Werkstatt der RAF in Frankreich zu löschen, bevor das Feuer auf zwei Treibstofftanks übergreift. Otto Arndt steht bei dieser gefährlichen Aufgabe an seiner Seite. Arndt ist ein deutscher Kriegsgefangener. Er knüpft zu dem Engländer eine Freundschaft und fertigt ihm als Erinnerung an diese gemeinsame Erfahrung eine Streichholzschachtel an.

Dieses Geschenk wirft ein anderes Licht auf die Kriegsjahre. Ohne die Initiative der Oxford-Universität wäre es aber unbekannt geblieben. 2008 initiierte sie das Projekt, durch die Digitalisierung persönliche Erinnerungen aus dem Ersten Weltkrieg der Vergessenheit zu entreißen. Auf der Website "Great War Archive" wurden sie dem breiten Publikum verfügbar gemacht.

Zwei Jahre später übernimmt die Europäische Digitalbibliothek Europeana die Führung eines ähnlichen Projekts, das in Zusammenarbeit mit der Oxford-Universität und der Deutschen Nationalbibliothek durchgeführt wird und an dem bis 2014 rund zehn europäische Staaten teilhaben sollen.

Der Tod der letzten Zeitzeugen dieser Epoche mache es dringend notwendig, jede Privatgeschichte zu bewahren und damit die "große Geschichte" zu erläutern: "Hinter jedem Objekt verbirgt sich eine ganze Geschichte: Es geht nicht mehr um Zahlen, sondern um Personen, das ist spannend", erklärt Aubéry Escande, der das Projekt bei Europeana leitet, der "Wiener Zeitung".

Bereicherung der Geschichte

Das tragische Schicksal von J. Ryan, der sich mit 16 Jahren freiwillig meldete, der Alltag in den Schützengräben, den der Bayer H. Gaigl in Zeichnungen dargestellt hat, die Traurigkeit der Trennung, die R. Sieglerschmidt in seinem an seine Frau gerichteten Tagebuch durchscheinen lässt - Briefe, Fotografien, Tagebücher, Tonaufnahmen oder Filme enthüllen das Leben von Akteuren, die die Kollektivgeschichte bereichern.

Das Projekt wurde von der Bevölkerung gut angenommen. Sie wird aufgefordert, ihre persönlichen Objekte aus diesen Jahren zur Verfügung zu stellen. Vier Aktionstage wurden zuerst in Deutschland (Frankfurt, Berlin, München und Stuttgart) im Frühling 2011 durchgeführt. Aufgrund des Erfolgs wurden vier weitere veranstaltet. "Die Menschen sind glücklich, mehr über ihre Eltern oder Großeltern zu wissen, mit anderen Familien in Kontakt treten zu können, wie es zwischen einer deutschen und einer französischen Familie der Fall war. Das ist sehr berührend", erzählt Aubéry Escande. Jeder kann auch Objekte selbst digitalisieren - einige wurden von den USA oder von Südafrika aus online gestellt. Auch Japaner haben Interesse gezeigt. Bei solchen individuellen Aktionen fehlt allerdings der bereichernde Austausch mit den Historikern, die an den Aktionstagen immer teilgenommen haben, um die Authentizität der Objekte zu prüfen und in den Kontext zu stellen.

Der Erfolg des Projekts lässt sich nicht übersehen. Die Oxford-Universität hat in einem Jahr 3000 Dokumente digitalisiert, 26.000 Daten stehen derzeit in der Datenbank bereit. Heute will Europeana sich mehr auf Institutionen verlassen und die Datenbank dank deren Sammlungen erweitern. Vereinbarungen sind noch nicht geschlossen, aber ungefähr 20 Institutionen in Europa sollen dazu beitragen, darunter die Österreichische Nationalbibliothek. Neben persönlichen Objekten können Zeitungen, Bücher und andere Dokumente die Aufarbeitung dieser wesentlichen Jahre der europäischen Geschichte ermöglichen.