Marburg. Drei Direktoren ausgewechselt. Das Budget halbiert. Von Absage bedroht. Die europäische Kulturhauptstadt Marburg (Maribor) - den gleichen Rang hat heuer auch Guimaraes in Portugal inne - stand unter keinen guten Auspizien. Allen Widrigkeiten zum Trotz startete das Projekt am Wochenende dennoch.

Der anreisende Besucher vermeint zuerst, am falschen Ziel angekommen zu sein. Keine Riesenplakate, keine triumphalen Flaggen, keine neuen Kulturbauten. Maribor? Kulturhauptstadt? Vereinzelte Gäste, die durch die menschenleere Innenstadt irren (sind die Marburger geflüchtet?), vermeinen sogar, in den noch hängenden Weihnachtsbeleuchtungen Zeichen des bevorstehenden Ereignisses zu erkennen. Tja, hier war Schmalhans offenbar Küchenmeister. Aber mit der Zeit lernt man gerade die Tatsache, dass aus der Not eine Tugend gemacht werden musste, schätzen und lieben. Das Unaufgeregte, das Sich-Bescheidende hat einen sympathischen Zug.

Aufgefettete Festivals

So ist die - sicher auch dem Geldmangel geschuldete - Idee, im wunderschönen, sensibel renovierten Viktringer Hof "kulturelle Botschaften" einzurichten, eine sehr gelungene. Jeden Monat zeigen hier zwei europäische Länder ihr eigenes Programm an Ausstellungen, Filmvorführungen und Performances. Den Anfang zu diesem exklusiven "Bilderberger-Club" der ehemaligen Kulturhauptstädte machten jetzt Marburgs Vorgänger Turku und Tallinn (2011) mit eindrucksvollen minimalistischen Objekten und archaisch-heidnischen Feuerskulpturen. Und relativ unaufwendige Licht- und Foto-Installationen wie "City Lights", "Northern Lights" oder "Ex-Garage" verleihen dem unbelebten Zentrum vorübergehend Charme.

Bemerkenswert ist auch der Versuch, fünf umliegende Gemeinden gleichberechtigt in den Veranstaltungskalender miteinzubeziehen. Ebenso ehrenhaft das Prinzip, bestehende Kulturinitiativen und -institutionen als integralen Bestandteil des Hauptstadtjahres anzuerkennen. Somit werden heuer "aufgefettete" Versionen der eingeführten Festivals (unter anderem zu den Sparten Musik, Theater, Tanz, Zeitgenössische Kunst und Literatur) stattfinden. Die jüngere Geschichte wird gleichfalls nicht außer Acht gelassen. Sowohl Marburgs Beziehung zu seinen vertriebenen deutschsprachigen Bürgern als auch die Konflikte mit den Roma werden in Ausstellungen und Konzerten thematisiert.

Das Projekt "Terminal 12" bringt zwölf Nobelpreisträger und andere prominente Kopfarbeiter als "Denker in Residence" in die "Metropole der Untersteiermark", um sie Strategien für die Zukunft entwickeln zu lassen. "Urban Furrows" versucht, dafür sozialarbeiterisch der zunehmenden Verelendung der Stadtbevölkerung konkret entgegenzusteuern.

Die "eigentliche", vom slowenischen Fernsehen übertragene Eröffnung war naturgemäß eine Enttäuschung und für die kommenden elf Monate ungefähr so repräsentativ wie die jährliche Rathausplatz-Eröffnung der Wiener Festwochen für ebendiese: eine TV-Show in B-Liga-Song-Contest-Ästhetik mit den üblichen Politikerreden, zwei offenbar lokal berühmten Präsentatoren und megalomanem Wortgeklingel. Und das alles Open Air bei klirrender Kälte.

Schwamm drüber.

Oper als Highlight

Nicht genug zu bewundern ist hingegen der Mut der Veranstalter, die dreitägigen Feierlichkeiten nicht mit ähnlichem pseudopopulistischen Firlefanz, sondern mit einem hochkulturellen Ereignis abzuschließen: einer ambitionierten Neuinszenierung der slowenischen Nationaloper "Črne maske" (Schwarze Masken) von Marij Kogoj (1892-1956). Dieser in unseren Breiten nahezu unbekannte Schreker- und Schönbergschüler hat nach einem Libretto des russischen Revolutionsrenegaten Leonid Andrejew ein singuläres, faszinierendes und aufwühlendes Werk geschaffen. Ein Kompendium moderner Themen von Identitätskrisen bis zu Halluzinationen und Wahnsinn, ausgedrückt durch eine spätromantisch-expressionistische, aber sehr persönliche Musiksprache. Für dieses Opernunikum wurden hier weder Kosten noch Mühen gescheut. Über die Geschmackssicherheit der Inszenierung kann man geteilter Meinung sein, über die sensationelle gesangliche sowie schauspielerische Leistung des Hauptdarstellers Joze Vidic nicht: Er erntete einhelligen Jubel.

Insofern darf man hoffen, dass diese Produktion auch für Maribor 2012 eine Art Wendepunkt markiert ("Turning Point" lautet das Marketing-Motto). Und man kann auch hoffen, dass das Geschenk an die Gäste - ein allzu massiver Metall-Kreisel, der sich nicht recht drehen will - nicht als böses Omen für die Kulturhauptstadt zu gelten hat.