• vom 04.04.2012, 11:27 Uhr

Kultur

Update: 04.04.2012, 17:04 Uhr

Israel

Grass-Gedicht regt auf




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  • Literatur-Nobelpreisträger kritisiert Israel
  • Für Broder ist Grass ein "Prototyp des gebildeten Antisemiten".

München/Rom. Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat mit einer scharfen Attacke gegen Israel heftige Kritik provoziert. Politiker von Union, SPD und Grünen reagierten empört auf ein Gedicht, in dem Grass den jüdischen Staat wegen seines drohenden Militärschlags gegen den Iran eine Gefahr für den Weltfrieden nannte.

"Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden", schrieb der 84-Jährige in dem Gedicht mit dem Titel "Was gesagt werden muss". Einige Politiker warfen Grass vor, antisemitische Klischees zu bedienen. Außenminister Guido Westerwelle sprach Grass nicht direkt an, warnte aber vor einer Verharmlosung des iranische Atomprogramms: "Eine nukleare Bewaffnung des Iran ist nicht nur eine Bedrohung für Israel und die ganze Region, sondern auch eine Gefahr für die Sicherheitsarchitektur der Welt."


Regierungssprecher Steffen Seibert äußerte sich zurückhaltend. "Es gilt in Deutschland die Freiheit der Kunst", sagte er. "Und es gibt glücklicherweise auch die Freiheit der Bundesregierung, sich nicht zu jeder künstlerischen Hervorbringung äußern zu müssen." CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe rügte Grass dagegen scharf. "Ich bin über die Tonlage und die Ausrichtung dieses Gedichtes entsetzt", erklärte er. Grass verkenne völlig die Lage Israels als einzige Demokratie im Nahen Osten, die durch den Atomwaffen strebenden Iran in ihrer Existenz bedroht sei.

Information

Was gesagt werden muss (G. Grass)

Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten -
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt ‘Antisemitismus’ ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muß.

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?

Weil gesagt werden muß,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir – als Deutsche belastet genug -
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.

Grass kritisierte Israel in seinem Gedicht, weil es wegen des vermuteten Atombombenbaus im Iran für sich das Recht auf einen Erstschlag beanspruche, der das iranische Volk auslöschen könnte. Wer Israel dafür jedoch kritisiere, setze sich dem Verdacht des Antisemitismus aus. Er sei dieser "Heuchelei des Westens" überdrüssig. Als Konsequenz forderte Grass eine permanente Kontrolle der israelischen wie auch der iranischen Atomanlagen. Das Gedicht erschien unter anderem in der "Süddeutschen Zeitung".

Kritik an deutscher Rüstungshilfe für Israel

Grass griff auch Deutschland heftig an, weil es ein weiteres U-Boot an Israel liefern will. Experten gehen davon aus, dass die deutschen U-Boote mit israelischen Atomsprengköpfen bestückt werden können. Er selbst habe dazu zu lange geschwiegen: "Weil ich meinte, meine Herkunft, die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist, verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will, zuzumuten." Der Schriftsteller spielte damit vermutlich auf seine eigene Vergangenheit und die jahrzehntelang verschwiegene Mitgliedschaft in der Waffen-SS gegen Ende des Zweiten Weltkriegs an. Der seit langem politisch engagierte und Rot-Grün nahestehende Autor räumte die Episode erst in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" 2006 ein. Kritiker zogen danach seine moralische Integrität in Zweifel.

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Schlagwörter

Israel, Iran, Günter Grass

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Dokument erstellt am 2012-04-04 11:36:32
Letzte Änderung am 2012-04-04 17:04:28


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