• vom 19.05.2011, 18:28 Uhr

Kultur

Update: 19.05.2011, 18:29 Uhr

Philosophie zwischen Elfenbeinturm und Engagement, III: Wirtschaftsethik und Politik

Grenzenloser Gier Einhalt gebieten




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Von Peter Kampits


Quentin Massys "Die Steuereintreiber". Foto: Sammlungen des Fürsten von und zu Liechtenstein, Vaduz-Wien

Quentin Massys "Die Steuereintreiber". Foto: Sammlungen des Fürsten von und zu Liechtenstein, Vaduz-Wien Quentin Massys "Die Steuereintreiber". Foto: Sammlungen des Fürsten von und zu Liechtenstein, Vaduz-Wien

Gleichzeitig leben wir auch in einer Welt, in der trotz Globalisierung von Frieden, von Gerechtigkeit und von einem guten Leben für alle Menschen nicht die Rede sein kann. In der global gewordenen Welt verändern sich die Probleme, die Grenzen und die politischen Systeme. Die jüngsten politischen Umwälzungen und nahezu bürgerkriegsähnliche Zustände in Nordafrika sind Zeichen eines Aufbruches aus Unterdrückung, sozialer Ungerechtigkeit sowie Armut.


Ebenso haben sich die jahrzehntelang gültigen Schwerpunkte globalen politischen Handelns verschoben, mit China und Indien sind neue Global Players auf den Plan getreten und haben die Bedeutung der USA, Russlands, vor allem aber auch jene Europas relativiert.

Angesichts all dieser Entwicklungen, vor allem aber angesichts des Gefälles zwischen den wohlhabenden Ländern und denen, die von Hungersnöten, Unterernährung und Verletzung fundamentaler politischer Freiheiten und Grundrechte gekennzeichnet sind, scheint die Stimme der Philosophie kaum von Bedeutung.

Was das Engagement derPhilosophen bewirken kann

Wohl ist die Zahl jener Philosophen, die sich mit kritischem Engagement für politische Freiheiten, soziale Gerechtigkeit und Beseitigung der Not eingesetzt haben, beträchtlich. Beispielhaft sei nur auf Jean Paul Sartre verwiesen, der gegen den Kolonialismus, gegen die Unterdrückung und gegen die Ausbeutung unermüdlich eingetreten ist. Andere Beispiele wären die Thesen eines André Glucksmann oder Bernard Henri Lévy, die sich ebenfalls für wirtschaftliche, soziale und politische Gerechtigkeit einsetzten.

Aber was kann dieses Engagement von Philosophen tatsächlich bewirken?

Eine Welt, in der die Balance zwischen Politik und Wirtschaft abhanden gekommen ist, in der nicht selten die Politik als Erfüllungsgehilfe wirtschaftlicher Interessen erscheint, wird wohl kaum von Seiten der Philosophie in andere Bahnen gelenkt werden.

Abermals, dennoch: Im Konzert der Ökonomen, Politikwissenschafter, Soziologen und Entwicklungsspezialisten sollte auch die Stimme der Philosophie nicht fehlen, handelt es sich doch dabei um Prinzipien wie Gerechtigkeit und Freiheit, die in der philosophischen Diskussion eine lange Tradition haben.

Wer, wenn nicht die Philosophie, und hier wieder vornehmlich die Ethik, sollte angesichts der alle Grenzen überschreitenden wirtschaftlichen Gier nicht darauf verweisen, dass der den Erdball erobert habende Homo oeconomicus, der Neoliberalismus und der Fetisch Marktwirtschaft in seine Schranken verwiesen werden sollte.

Die jüngsten Finanzskandale, die die Wirtschaftskrise ausgelöst haben, der Bankenkrach, die Insolvenzen und Massenentlassungen stehen maßlos überzogenen Managergehältern und Boni gegenüber, die den Betroffenen die Schamröte ins Gesicht treiben müssten.

Gewinnmaximierung allein kann nicht das Ziel sein

Es wäre zu einfach, dies als Entgleisungen zu sehen, für Einzelne die Verantwortung tragen, es geht vielmehr um die Konzeption einer Marktwirtschaft, der jedwede staatliche Ordnung abhanden gekommen scheint.

Dass Wirtschaft und Ethik einander nicht unbedingt ausschließen müssen, bekunden die jüngsten Aktivitäten auf Seiten der Wirtschaftsethik. Hier wird, freilich nicht von allen, eine Unterordnung der Wirtschaft unter die Lebensdienlichkeit gefordert und die Marktwirtschaft entscheidend als Alleinheilmittel kritisiert. Wirtschaftsethik kann so gesehen als ein Versuch gelten, ethische Handlungsansprüche in das ökonomische Handlungsmodell der Wirtschaftswissenschaften zu integrieren.

Natürlich werden von Seiten der Ökonomie immer wieder Sachzwänge ins Treffen geführt, die dann zu ethischen Einsprüchen führen müssen, wenn sie zu Kinderarbeit, Massenentlassungen und zu schwerwiegenden sozialen Unterschieden führen. Gewinnmaximierung allein kann nicht das Ziel eines verantwortungsvollen Wirtschaftens sein, wobei selbstverständlich die Komplexität und Verflechtung im globalen Raum ein großes Problem darstellt.

Es geht im Wesentlichen darum, die Beziehung einer entfesselten und normativ enthemmten Ökonomisierung aller Lebensbereiche und aller sozialen Beziehungen umzukehren: Die Wirtschaft muss wieder in das soziale Beziehungsgeflecht eingebettet werden. Nur dann besteht eine Chance, zumindestens ansatzweise den derzeitigen Vorrang des Marktes zu begrenzen. Solange allerdings das reine Gewinnstreben und das Beiseiteschieben aller ethisch-moralischen Bedenken zugunsten einer Steigerung des Profits Leitbilder für die Unternehmen, vornehmlich die sogenannten Global Players, darstellen, droht der Ethik die Gefahr, wie eine Fahrradbremse an einem Interkontinentalflugzeug zu wirken, wie dies Ulrich Beck einmal ausgedrückt hat.

Ähnliches gilt wohl auch für die Beziehung zwischen Ethik und Politik. Zwar mangelt es keineswegs an einer langen Geschichte politischer Theorien, die insgesamt alle bemüht sind, Regeln des menschlichen Zusammenlebens in einem Staat zu erstellen, wobei gerade die Situation der westlichen Demokratien als Vorbild im Mittelpunkt steht. Dies wird auch gerade an den Umbrüchen in den nordafrikanischen Staaten deutlich und schlägt sich auch in den Konzentrationen auf Menschenrechte, Menschenwürde und politische Freiheit nieder.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2011-05-19 18:28:46
Letzte Änderung am 2011-05-19 18:29:00



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