• vom 17.05.2012, 16:28 Uhr

Kultur

Update: 17.05.2012, 23:26 Uhr

Internet

Glaubenskrieg um das Gratisweb




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Von Christoph Irrgeher

  • Der Wunsch nach dem kostenlosen Online-Schlaraffenland bedroht Künstler - und das Urheberrecht
  • Deutschland zankt über Urheberrecht,
  • Österreich will es novellieren.

Allein gegen eine kalte, autoritäre Welt: In dieser Pose gefällt sich Anonymous, schießt aber mit Kanonen auf Spatzen. - © APA/HELMUT FOHRINGER

Allein gegen eine kalte, autoritäre Welt: In dieser Pose gefällt sich Anonymous, schießt aber mit Kanonen auf Spatzen. © APA/HELMUT FOHRINGER

Wien.Wer um den rechten Glauben weiß, muss im Kampf keine Skrupel kennen: Nach diesem Grundsatz handelte 1605 eine Handvoll Engländer. Die hatten nicht weniger im Sinn, als das Parlament samt König und Hunderten Landsleuten in die Luft zu jagen. Wobei ihnen angeblich nur eines Gewissensbisse bereitete: Würde das Attentat auch einige der ohnehin wenigen papsttreuen Engländer töten? Im Namen des unterdrückten Katholizismus hatten sie ihr Schießpulver ja gekauft. Doch vergebens. Die Verschwörer flogen auf und wurden getötet. Darunter: ein gewisser Guy Fawkes.


Dessen Gesicht kennt heute die Welt - wenn auch in stilisierter Form. Es ist stets die gleiche, starr grinsende Fawkes-Maske, hinter der sich die Internet-Aktivisten der Gruppe Anonymous verschanzen. Ein Markenzeichen, das aber nicht der historischen Figur, sondern einem späteren Wiedergänger huldigt. Es ist der Comic-Held aus "V wie Vendetta", der genau diese Maske trägt. Wie Fawkes führt er einen explosiven Feldzug. Mit einem entscheidenden Unterschied: "V" ist kein Gotteskrieger - sondern ein Freiheitskämpfer in einer fiktiven Diktatur.

"Das ist keine Freiheit, sondern Anarchie!"
Im Licht der jüngsten Ereignisse stellt sich jedoch die Frage, ob nicht doch der historische Fawkes die passendere Ikone für Anonymous wäre. Freilich, im Kampf gegen das Urheberrechtsabkommen Acta haben die hackenden Fürstreiter der Internet-Freiheit auch Sympathien geerntet. Wie in der "V"-Verfilmung mobilisierten nicht zuletzt sie den Widerstand der Bevölkerung gegen ein vermeintlich repressives Regelwerk düsterer Mächte, das nun besiegt scheint.

Doch jetzt führt Anonymous wieder seinen Glaubenskrieg für das gelobte kostenlose WWW-Land. Und um da als Ketzer zu gelten, muss man nicht erst einen Antipiraterie-Pakt unter Ausschluss der Öffentlichkeit aushecken. Da tut es auch die Arbeit der Austro Mechana - einer Verwertungsgesellschaft, die mit Urheberrechten am Tonträgermarkt befasst ist. Die Hacker bombardierten den Server der Homepage so lange mit Anfragen, bis der Rechner zu kollabieren drohte - und die Seite vom Netz genommen wurde. Konsequenz: Seit einer Woche ist die Austro Mechana virtuell tot. Und: Anonymous empfahl dem Provider, sich von der Verwertungsgesellschaft zu distanzieren - was angesichts des Geschehenen an Erpressung grenzt. Und warum der Cyber-Terror? Offenbar nur, weil die Austro Mechana für eine verpflichtende Abgabe auf Festplatten eintritt. 12 bis 15 Euro soll die profane Maßnahme kosten und Künstlern zugutekommen. Die erhielten bisher Geld aus der "Leerkassettenvergütung", die auf alle Nachfahren der alten Bänder (CD-Rohlinge, USB-Sticks) eingehoben wird. Weil der Trend aber in Richtung Festplatten-Speicherung geht, haben sich die Einnahmen seit 2007 angeblich um mehr als 50 Prozent reduziert; die Festplattenabgabe könnte das Loch stopfen.

Dass just diese Idee den Hackern als Casus belli galt, sorgte allerdings für Erstaunen. Die Mitarbeiter sind "irritiert", heißt es. Und aus einer anderen Verwertungsgesellschaft: "Das ist keine Freiheit, sondern Anarchie!"

Gegen die Multis - und auch gegen die Künstler?
Umso relevanter ist der Fall, als er mit einer Auseinandersetzung im Mutterland der gepflegten Feuilleton-Debatte korrespondiert - in Deutschland. Dort rauschen mittlerweile Extrempositionen durch den Blätterwald. Da der Gratiskultur-Gierald, der das ganze Urheberrecht entsorgt sehen will. Dort die Werteverteidiger: "Wir sind die Urheber!", donnern mehr als 6000 in einem Aufruf "gegen den Diebstahl geistigen Eigentums", darunter Namen wie Daniel Kehlmann, Sven Regener, Anna Mitgutsch.

Der steigende Schärfegrad der Debatte ist wohl auch dem Umstand geschuldet, dass sich die Akzente hier schleichend, aber radikal verlagern können: Der Piratenpolitiker, der sich die Freiheit der User auf die Fahne schreibt, ist vielleicht schon morgen der Freibeuter wider das Urheberrecht. Und der Feind der Multis vielleicht morgen auch jener der Künstler. Dann greift womöglich auch er zu einer Art Adorno-for-Dummies-Logik: "Werkverwertung" - das sei im Kontext von Literatur- und Musikverlagen bloß ein Synonym für Parasitentum. Und eigentlich obsolet. Warum nicht das eigene Zeug gratis uploaden?

Ideologen dieser Gesinnungsart hat jüngst die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" abgewatscht. Ein Verlag ergehe sich nämlich nicht im Publizieren und Kassieren - er redigiert auch, er produziert, rührt die Werbetrommel, er bezahlt. Und: Der Kontrast vom stinkreichen Verlagshaus und dem lichtvollen Anti-Materialismus des Internet halte "nützliche Idioten" bei der Stange, "die vom kulturellen Sozialismus träumen, dessen Dividende Google abschöpft".

Vor "global agierenden Internetkonzernen, deren Geschäftsmodell die Entrechtung von Künstlern in Kauf nimmt", graut auch den Unterzeichnern des "Urheber"-Aufrufs: Verlage und Verwertungsgesellschaften seien keine Ausbeuter, sondern Partner - und obendrein ein historischer Triumph über das Lakaiendasein der Künstler während der Feudalzeit.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2012-05-17 16:35:17
Letzte Änderung am 2012-05-17 23:26:04


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