Peter Bieri, vielen auch als Pascal Mercier bekannt. - © Isolde Ohlbaum/Residenzverlag
Peter Bieri, vielen auch als Pascal Mercier bekannt. - © Isolde Ohlbaum/Residenzverlag

Der Schweizer Philosoph Peter Bieri ist als Romancier mit dem Künstlernamen "Pascal Mercier" ein Begriff geworden. Von seinen vier Romanen ist "Nachtzug aus Lissabon" (Hanser) am bekanntesten. Auch seine philosophischen Bücher: "Das Handwerk der Freiheit" und "Wie wollen wir leben" (Residenz Verlag) sind Verkaufshits. Im Interview erzählt Bieri, wie er sich durch das Schreiben immer näher an sich selbst heranschreibt und warum die Universität zunehmend "wie ein Betrieb beschrieben wird, bei dem es um Geld und Profit geht."

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"Wiener Zeitung": Sie haben in Wien auf Einladung der Sigmund Freud Privatstiftung gesprochen. Wie sehr hat Sie Freud beeinflusst?

Peter Bieri: Seit der Zeit des Studiums bin ich ein gewohnheitsmäßiger Leser von Freud. Teils wegen der psychologischen Analysen, teils wegen der wunderbaren wissenschaftlichen Prosa. Was ich - philosophisch wie literarisch - geschrieben habe, sähe ohne die Lektüre von Freud anders aus. Vor allem sein Grundgedanke ist immer gegenwärtig: dass vieles von dem, was unser Leben bestimmt, im seelischen Dunkel liegt.

Sie sagen, beim Schreiben sind die Kräfte hinter der Konzeption einer Figur weitgehend unbewusst. Wenn Sie sich in ein fremdes Leben hineinschreiben, werden verdrängte Erinnerungen ins Bewusstsein geholt. Wäre dann Schreiben mit Psychoanalyse vergleichbar?

Ja, das erzählerische Schreiben ist teilweise vergleichbar mit dem, was in der psychoanalytischen Arbeit geschieht: Man lockert die Zensur und lässt unbewusste Dinge bewusst werden. Zu diesem träumerischen Gemütszustand kommt dann beim Schreiben die besondere Wachheit hinzu, die man braucht, um einen Text zu komponieren, sowohl im Inhalt wie in der Form.

Nach Ihren Worten erschließt sich Selbsterkenntnis nicht durch einen Blick nach innen, sondern durch erzählerische Vergegenwärtigung. Sind nicht all unsere Erzählungen sehr selektiv - unserem Selbstbild angepasst? Lücken, Auslassungen, Leugnung

Doch. Aber gerade an der Auswahl zeigt sich, wer wir gerne sein möchten - und das ist ein Aspekt der Selbsterkenntnis.

Wenn Sie über das Schreiben sprechen, dann sagen Sie, dass sich Figuren auch Ihrem Willen widersetzen. Fühlen Sie sich von Ihrem Schöpfungsprozess fremdbestimmt?

Nein, im Gegenteil: Dass sich die Figuren widersetzen, heißt nichts anderes, als dass die unbewusste Phantasie zu ihrem Recht kommen will. Und wenn man sich darauf einlässt, ist man näher bei sich selbst als irgendwann sonst.

Dieses Fremdbestimmtsein im Schöpfungsprozess hat Platon "Begeisterung", "Enthusiasmus" genannt. Als Begeisterter ist man nicht ganz bei sich. Sie sagen jedoch, "je tiefer man sich in eine Figur hineindenkt, desto mehr hat man das Gefühl, man selbst zu sein". Ist das dialektisch zu verstehen?

Ich weiß nicht, was "dialektisch" hier heißen könnte. "Sich in eine Figur hineindenken" ist keine Bewegung weg von sich selbst: Die Figuren sind die eigenen Phantasien. Wer erzählt, lernt sich kennen, indem er erfährt, welche Bilder, Figuren und Dramen ihm die Erinnerung und Einbildungskraft zuspielt. Und es kommen Gedanken, Gefühle und Wünsche an den Tag, die ohne das Erzählen im Dunkeln blieben.

In Ihrem Vortrag haben Sie zwischen autobiografischem und authentischem Schreiben unterschieden. Man verrät sich in seinen Geschichten auch dann, wenn man darin nicht vorkommt. Wie ist das zu verstehen?

In der Wahl der Figuren, der Handlung und der sprachlichen Melodie zeigt sich die Logik meiner Phantasie - und die zeigt, wer ich bin.

Es ist ja interessant, dass uns nicht nur das wirklich Erlebte erschüttert und berührt, sondern auch die Schicksale der Figuren, die Schriftsteller erfinden. Warum werden dann so wenige Menschen durch Lesen verändert?

Ich glaube nicht an Ihre Prämisse: Ich glaube, dass ganz viele Menschen, die Leser sind, durch das Gelesene verändert werden. Nicht immer sichtbar vielleicht, aber trotzdem.

In Ihrem jüngsten philosophischen Werk: "Wie wollen wir leben" schreiben Sie: "Selbstbestimmt wäre jemand, dem es gelänge, so zu sein, wie er sich gerne sieht." Wie kann das gelingen?

Durch eine Beschäftigung mit uns selbst, in der wir uns in unserer inneren Logik und Dynamik besser verstehen lernen. Dann können wir auch darauf einwirken, dass wir unserem Selbstbild ähnlicher werden - oder es uns. Deshalb ist die Beschäftigung mit Erzählungen so wichtig für Selbsterkenntnis. Man kann sich in ihnen spiegeln: Sich im Erzählten wieder erkennen oder die eigene seelische Identität erkunden, indem man sich dagegen abgrenzt.

Mit 63 Jahren (2007) haben Sie als Philosophieprofessor und Nachfolger von Ernst Tugendhat der Universität den Rücken gekehrt, weil sie diese Diktatur der Geschäftigkeit nicht mehr aushielten. Werden unsere Universitäten gerade ausgehungert und kaputtgemacht?

So dramatisch würde ich es nicht ausdrücken. Aber es gibt an den Universitäten viel falsches Gerede. Zum einen das Gerede über Exzellenz und Ranglisten, das einfältiger Eitelkeit entstammt. Zum anderen ein Gerede, in dem die Universität wie ein Betrieb beschrieben wird, bei dem es um Geld und Profit geht. Beides bedeutet in meinen Augen eine Entfremdung von dem, worum es in einer Universität geht.