Mit einem siebentägigen Nonstop-Camp in und um die Grazer Thalia am Opernring wird der "steirische herbst" am 21. September in Graz eröffnet. Unter dem Leitmotiv "Truth is concrete - die Wahrheit ist konkret" werden Künstler, Aktivisten, Theoretiker und Stipendiaten über politische Strategien in der Kunst sowie künstlerische Strategien und Taktiken in der Politik debattieren, performen und ihre Produktionen vorstellen.

Das Moskauer Doku-Theater erzählt den Fall eines gefolterten Häftlings. - © Teatr.doc
Das Moskauer Doku-Theater erzählt den Fall eines gefolterten Häftlings. - © Teatr.doc

Rasante Veränderungen wie die Revolutionen in den arabischen Ländern oder die Umbrüche und finanziellen Katastrophen in Europa würden auch die Rolle der Kunst in Frage stellen, so die Intendantin des Festivals, Veronica Kaup-Hasler. In vielen Gesprächen bei Recherchen an Orten, in denen Gesellschaft in Bewegung geraten ist, habe sich schnell gezeigt, dass Künstler überall und von Anfang an maßgeblich beteiligt waren. Aber, so Kaup-Hasler, "es zeigte sich auch, dass die Frage, welche Rolle die Kunst selbst dabei spielt, weitaus schwieriger ist": die Frage, ob es eine Kunst geben kann und soll, die nicht nur beobachtet, kommentiert und dokumentiert, sondern sich ganz konkret engagiert.

170 Stunden nonstop

Das Festival macht sich heuer auf die Suche nach "künstlerischen Strategien in der Politik und nach politischen Strategien in der Kunst". Dazu sind in der ersten Festivalwoche rund 150 Künstler, Aktivisten und Theoretiker aus aller Welt zu Gast im Festivalzen-
trum/Camp in der und rund um die Thalia am Opernring 5 und 7.

Den Ort für die "rund 170 Stunden nonstop" mit Vorträgen, Performances, Filmen, Diskussionen und Konzerten gestaltet das Architektenkollektiv "raumlaborberlin" und verwendet dafür Materialien, die zur Wiederverwertung gedacht sind bzw. Altmöbel.

In den Räumen der Thalia und am Opernring 7 findet auch die diesjährige "herbst"-Ausstellung statt. Die von Zbynek Baladran und Vit Havranek konzipierte Schau setzt sich mit gesellschaftlichen Veränderungen durch "Adaptation", so der Titel, also mit gewissen Anpassungsvorgängen, auseinander.

Veronica Kaup-Hasler, die Intendantin des Herbstfestivals. - © J. J. Kucek
Veronica Kaup-Hasler, die Intendantin des Herbstfestivals. - © J. J. Kucek

Im Bereich Theater und Performance will u. a. das Moskauer "Teatr.doc" in "1 hour 18 minutes" (Regie: Mikhail Ugarov) das zeigen, was der russischen Öffentlichkeit gezielt verschwiegen werde (ab 29. 9.). Der konkrete Anlass: Im November 2009 sei Sergey Magnitskiy nach einem Jahr Folter und Missbrauch in Untersuchungshaft ums Leben gekommen. Sein Sterben habe 1 Stunde und 18 Minuten gedauert.

Rabin Mroue und Lina Saneh wiederum rekonstruieren in ihrer semidokumentarischen Performance "33 rounds and few seconds" den Selbstmord eines jungen Libanesen (ab 28. 9.), und die New Yorkerin Jean Lee wirft in ihrer "Untitled Feminist Show" einen Blick auf den US-Feminismus (ab 11. 10.).

Zum Abschluss des Festivals wird am 12/13. 10. die Produktion "When the mountain changed its clothing" gezeigt. Dafür arbeitet der deutsche Musiktheaterregisseur Heiner Goebbels mit jungen Sängerinnen des Chors "Carmina Slovenica" aus Maribor (Marburg) zusammen. Thema sind die vielfältigen Umbrüche, mit denen sich die jungen Performerinnen konfrontiert sehen. (as)