"Claire Bauroff geriet schon früh in Vergessenheit. Allenfalls beiläufig taucht ihr Name in Erinnerungen von Schriftstellern und Künstlern der Weimarer Republik und des ,Dritten Reiches’ auf. Dass sie nach 1945 nur noch selten in das Blickfeld der historischen Tanzforschung trat, mag darauf zurückzuführen sein, dass sie weitaus mehr denn als darstellende Künstlerin als Aktmodell für Fotografen wie Trude Fleischmann, Nini & Carry Hess oder Alexander Binder im Gedächtnis geblieben ist, deren Aufnahmen in den 1920er Jahren gerade für den Tanz und seine Pro-tagonistinnen das Medium der gesellschaftlichen Repräsentation schlechthin geworden waren. (. . .)

Das Vergessen, das sich über ihre Existenz legte, hatte viele von den Menschen, mit denen sie in den 1920er Jahren verkehrte, schon weitaus früher erfasst und stellt sich nicht selten als eine von den Nationalsozialisten gezielt gesteuerte damniato memoriae an eine im Denken und Leben sich als modern-aufgeklärt verstehende Künstlerschaft dar, von der im Einzelfall kaum noch Spuren in die Gegenwart führen."

Münchner Bohème

Diese Sätze finden sich in einem 2008 erschienenen Aufsatz von Ralf Georg Czapla über die Tänzerin Claire Bauroff. Anlass für seine Erinnerung an die Künstlerin war dem Freiburger Germanisten die Tatsache, dass Claire Bauroff Anfang der 1920er Jahre in enger Verbindung mit dem Wiener Schriftsteller Hermann Broch stand, der ihr sogar zwei Gedichte widmete. Des Öfteren tauchte ihr Name auch 2011 wieder auf. Etwa im Zusammenhang mit der im Wien Museum gezeigten, viel beachteten Ausstellung über die Fotografin Trude Fleischmann, welcher Bauroff, wie erwähnt, Modell stand - oder anlässlich des Erscheinens des Bändchens "Wandlung aber ist dasLeben" mit Gedichten der Tänzerin (Bernstein Verlag, Bonn 2011).

Am 26. Februar 1895 unter dem Namen Klara Amanda Anna Baur als viertes von sechs Kindern eines königlich-bayerischen Notars in Weißenhorn bei Neu-Ulm geboren, war der Frau, die sich später den Künstlernamen Claire Bauroff zulegen sollte, ein Leben in der Bohème nicht in die Wiege gelegt. Gegen den Willen der Eltern wollte sie jedoch schon in jungen Jahren zur Bühne, nahm in München Schauspielunterricht und ließ sich dort von 1913 bis 1915 beim bekannten Rudolf Bode im Tanz ausbilden.

Nachdem sie im letzten Weltkriegsjahr in Begleitung ihrer Mutter zur Unterhaltung der Truppen an der Front unterwegs war, erlangte die junge Tänzerin nach dem Krieg erste Beachtung. Im Film "Pán" das ungarischen Regisseurs Pál Fejös erzielte sie 1920 auch Aufmerksamkeit als Leinwand-Star. Im selben Jahr heiratete sie einen ihrer zahlreichen vermögenden Verehrer, den um drei Jahrzehnte älteren ungarischen Grafen István Zichy. Die Ehe währte nur wenige Monate: Einsam im fremden Budapest, ließ sich die vom Heimweh Getriebene von der älteren Schwester nach Hause holen. Der Ehemann verwand die Trennung nicht und nahm sich kurze Zeit später das Leben. Den an sie gerichteten Abschiedsbrief sollte Claire, so Ralf Georg Czapla, nie öffnen.

Auf der Basis des Ausdruckstanzes trat Claire Bauroff Anfang der 20er Jahre erstmals als Nackttänzerin vor das Publikum. Sie rechnete sich dabei der seriösen Kunst, und nicht den auf den Voyeurismus des Betrachters abzielenden Variétéveranstaltungen zu. Mit ihren Auftritten folgte sie jener Tanzbewegung der Zeit, die sich vom Bewegungskodex des in die Krise gekommenen klassischen Balletts, das formal weitgehend ausgeblutet und in bloßem artistischen Können erstarrt war, entfernte, dafür im antikisierenden Schönheitsideal der Isadora Duncan, der rhythmischen Erziehung nach Émile Jaques Dalcroce und im Lehrsystem von Rudolf von Laban ihre Grundlagen fand und in ihrer Frühzeit etwa von Mary Wigman verbreitet wurde.

Ideen ihres Lehrers Rudolf Bode aufnehmend, der Émile Jaques Dalcroces Theorien weiterentwickelt hatte, adaptierte Claire Bauroff tänzerische Elemente zur "Ganzkörpergymnastik", bei der der Rhythmus des Körpers mit oder unabhängig von jeglicher Musik im ganzkörperlichen Schwung auflebte und innere Bewegtheit durch Bewegung ausdrückte.

Die Metropolen Berlin und Wien (die Stadt an der Donau war damals eines der Zentren des freien Tanzes in Europa, hier warfen Tänzerinnen wie die Geschwister Grete, Elsa und Berta Wiesenthal, Gertrud Bodenwieser oder deren Schülerinnen Gertrud Kraus, Hilde Holger und Cilli Wang die Zwänge von Ballettschuhen und Kostümen ab und gründeten eigene Tanzinstitute) waren die Orte, an denen Claire Bauroff mit ihren künstlerischen Nackttänzen die größten Erfolge hatte.

Berliner Rampenlicht

In der deutschen Hauptstadt feierte Bauroff mit Solotanzvorführungen etwa in der "Scala", mit Auftritten in Fritz Grünbaums Bühnenprogrammen, in den berühmten Ausstattungsrevuen Hermann Hallers im Admiralspalast sowie in frühen UFA-Filmen ebenso Erfolge wie mit der Truppe des Deutschen Volkstheaters Wien, mit der sie in einer "sensationellen Aufführung" (Carl Zuckmayer) von Frank Wedekinds "Franziska" zu sehen war. Zum Triumph der Inszenierung von Karl Heinz Martin, in der Tilla Durieux die Titelrolle spielte, und die auch in Wien und anderen Städten begeistert aufgenommen wurde, trug Bauroff entscheidend bei.