Ginge es nach C. K. Stead, hätte der deutsche Renaissance-Maler Hans Multscher dieses Bild nie malen können, denn, so der neuseeländische Autor: Es gab keine Auferstehung. - © wikipedia
Ginge es nach C. K. Stead, hätte der deutsche Renaissance-Maler Hans Multscher dieses Bild nie malen können, denn, so der neuseeländische Autor: Es gab keine Auferstehung. - © wikipedia

Beharrlich hält sich eine Anekdote über die Produktion des ersten "Star Trek"-Kinofilms: Bei einer Sitzung zur Entwicklung der Handlung sagt der Produzent: "Gebt mir etwas wirklich Großes." Darauf kommen Vorschläge, was sich mit der Mannschaft des Raumschiffs "Enterprise" zutragen könnte - alles dem Produzenten zu gering. Endlich sagt einer, ohne es ganz ernst zu meinen: "Die ,Enterprise‘ begegnet Gott". Darauf der Produzent: "Denken Sie in größeren Kategorien."

Manch Autor seit dem 20. Jahrhundert gibt’s nur geringfügig kleiner: Ihm genügt Jesus. Das neueste Produkt auf dem deutschsprachigen Markt ist der Roman "Mein Name war Judas" des Neuseeländers C. K. Stead. Nachdem die Gestalt Jesu mehrfach entmystifiziert wurde, geht Stead einen Schritt weiter. Er zeigt Jesus gleich aus atheistischer Sicht.

Steads Roman ist dabei die mit Sicherheit nur vorläufig letzte Stufe einer Entwicklung, die 1952 einsetzt. Nachdem der Schwede Pär Lagerkvist in "Barabbas" und der Pole Jan Dobraczynski im Nikodemus-Roman "Gib mir Deine Sorgen" die Heilsgeschichte anhand ihrer Nebengestalten dargestellt haben, veröffentlicht im gleichen Jahr der Grieche Nikos Kazantzakis seinen auf Jesus fokussierten Roman "Die letzte Versuchung".

Erlogenes Evangelium

Was dem Buch das Odium des Skandalösen einträgt, ist die alternative Lebensgeschichte Jesu, der dem Kreuzestod entgeht, während Paulus beschließt, das Evangelium zu verbreiten, wohl wissend, dass es sich um eine Lüge handelt. Allerdings nimmt Kazantzakis dieser Geschichte die Schärfe, indem er sie zur von Satan verursachten Vision Jesu während seines Sterbens am Kreuz erklärt. Fundamentalistische Christen gerieten dennoch in Rage. Kazantzakis’ Roman setzt dabei einen Maßstab für den literarischen Umgang mit Jesus und senkt zugleich die Hemmschwelle, dem Gottessohn der Bibel alles Göttliche nach und nach abzuerkennen.

Doch trotz der auf Kazantzakis basierenden Erkenntnis, dass man als Autor mit Jesus umgehen kann wie mit einer x-beliebigen Romanfigur, konzentrieren sich die Schriftsteller lieber wieder auf Nebenfiguren, etwa der Deutsche Louis de Wohl in "Longinus der Zeuge" oder die Österreicherin Gertrud Fussenegger in "Sie waren Zeitgenossen".

Einen neuen Ansatz in Bezug auf Jesus selbst bringt der französische Historiker und Wirtschaftsjournalist Gerald Messadie in seinem Roman "Ein Mensch namens Jesus" (1988). Aussagekräftiger für Messadies Konzept ist der französische Originaltitel "L’homme qui devint Dieu" (der Mensch, der Gott wurde).

Die Auferstehung bleibt aus

Messadie wagt eine kühne Variation der Christus-Geschichte. Zum ersten Mal tauchen bei ihm Lehrjahre Jesu bei den Essenern auf sowie Wanderjahre, in denen Jesus Kenntnisse über jene ungewöhnlichen medizinischen Verfahren gewinnt, die später wie Wunder wirken. Am Ende wagt Messadie die bis dahin kühnste Umdeutung des Heilsgeschehens: Jesus wird vom Kreuz genommen, ehe er stirbt, und zum Schein ins Grab gelegt. Nach der - vermeintlichen - Auferstehung geht er wieder auf Wanderschaft, vermutlich nach Indien. Messadie unterläuft sein eigenes Konzept eines rein menschlichen Jesus allerdings bewusst, indem er ihn, ohne eine rationale Erklärung beizusteuern, auf dem stürmischen See Genezareth wandeln lässt.

1991 bringt der deutsche Autor Patrick Roth "Riverside", 1999 "Corpus Christi" heraus: Intensive Geschichten, die sich wie Apokryphen lesen, Fleisch gegen Geist, Glaube gegen Skepsis - an solchen Schnittstellen wuchern Roths romanhafte Exegesen der Heilsgeschichte am üppigsten, doch nicht einmal fundamentalistische Christen werden Anstößiges in dieser dichterisch bedeutenden religiösen Literatur erkennen können.

Jesus als neurotischen Popstar, der mit seiner eigenen Sexualität ebenso im Unreinen ist wie mit der seines Gottvaters und dessen Tiraden den Leser mehr anöden als provozieren, das hat Norman Mailer 1998 als "Das Jesus-Evangelium" veröffentlicht und damit allenfalls Kopfschütteln über den Niedergang eines immerhin beachtlichen Autors hervorgerufen.

2002 ist dann das Jahr der "Bibel nach Biff": Der Amerikaner Christopher Moore lässt den in allen Schriften verschwiegenen Freund Jesu, eben jenen Biff, die Geschichte erzählen, und zwar in einem, saloppen Tonfall, wobei der Ich-Erzähler Biff nicht an der Sendung Jesu, nicht einmal an seiner Göttlichkeit zweifelt. Moore erzählt lediglich zusätzliche Geschichten, von Jesu Lehrjahren in Tibet etwa, enthält sich jedoch jeglicher Häresie. Und hat sich obendrein historisch sehr gut informiert.

Wie ein allzu absichtlich möglichst blasphemischer Gegenentwurf zur fröhlichen, religiös korrekten Biff-Bibel nimmt sich "Als Maria Gott erfand" (2009) des Tübinger Germanistikprofessors Jürgen Wertheimer aus: Maria flüchtet vor dem homosexuellen Yussef (Josef) ins Bett Jochanaans, der Joshua (Jesus) zeugt. Joshua leidet an krankhaftem Sendungsbewusstsein und lässt sich, nur um der Messias sein zu können, zur Marionette im Machtspiel seiner Jünger machen. Die Taschenspielertricks gipfeln in einer virtuos gefälschten Auferstehung.