Er öffnet die Dose und reicht mir ein Stück Brot: "Kosten Sie." Ich beiße ab und bemühe mich, möglichst nicht auffällig zu kauen. Nein, schlecht ist es nicht, dieses Brot, aber ich mochte Pumpernickel noch nie, und daran erinnert es mich fatal. Aber um den Geschmack geht es ja gar nicht. Dieses Brot ist, selbstverständlich bei verschlossener Dose, laut Aufdruck zwei Jahre haltbar. Der Hersteller jedoch soll eine Haltbarkeit von bis zu 15 Jahren und mehr garantieren. Und das ist es, worum es in Wirklichkeit geht.

Vorbereitet sein ist alles: Manche Preppers horten nur Notvorräte, andere trainieren das Überleben unter unwirtlichen Bedingungen in der Wildnis. - © Foto: corbis
Vorbereitet sein ist alles: Manche Preppers horten nur Notvorräte, andere trainieren das Überleben unter unwirtlichen Bedingungen in der Wildnis. - © Foto: corbis

Manfred Wallner (der Name ist geringfügig geändert) wohnt in München, ist 47 Jahre alt, glatt rasiert, gut frisiert, zumindest besser als ich selbst, korrekt gekleidet. Er arbeitet im Büro eines größeren Autoherstellers. Wenn man ihn sieht, würde man ihn für einen Beamten halten, vielleicht für einen Lehrer (aber daran kann eine persönliche Erinnerung meinerseits schuld sein), wenn man mit ihm spricht, staunt man über sein Wissen in Sachen Literatur und Kunst. Zweimal im Monat geht er in die Alte Pinakothek, alle zwei Monate in die Neue Pinakothek oder ins Haus der Kunst. Wallner ist kein Spinner, kein Eigenbrötler, er hat keine Waffe im Schrank. Er ist ein Mensch so normal, wie man ihn sich vorstellen kann.

Dennoch fällt Wallner aus der Norm irgendwie heraus: Er ist ein Prepper.

Die Katastrophe kann jederzeit eintreten

Das englische Wort ist unübersetzbar. Es ist die personenbezogene Ableitung von "preparedness", Vorbereitetsein. Wallner bereitet sich darauf vor, eine Katastrophe zu überleben. Nicht den von diversen Esoterikern prophezeiten Weltuntergang am 21. Dezember dieses Jahres, von dem sich mittlerweile herumgesprochen hat, dass er ohnedies nicht stattfinden wird, sondern eine andere Katastrophe, eine, die kommen wird oder zumindest kommen kann. Etwa in noch halbwegs glimpflicher Form eines Zusammenbruchs der Versorgung oder im Endzeit-Szenarium einer globalen Seuche, welche die Menschen zum Aufgeben ihrer städtischen Kultur zwingt, denn wo Ballungsräume sind, ist die Ansteckungsgefahr am größten. Dann heißt es: Hinaus in die Wälder oder hinunter in die Keller. Für wie lange, weiß niemand.

Die Preppers hat niemand gegründet, sie sind keine Sekte, haben kein einheitliches Weltbild, keine gemeinsamen religiösen Vorstellungen (Wallner etwa ist völlig a-religiös). Die Philosophie, die sie eint, heißt schlicht: Vorbereitet sein auf all jene Eventualitäten, die man sich ausmalt.

Entstanden ist das Ganze langsam in den USA und Kanada. Die Basis war wohl die Survival-Szene, die ihrerseits in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückdatiert. Damals mussten Waldläufer und Fallensteller im Norden Amerikas unter extremen Bedingungen überleben. Die Techniken dazu lernten sie von den Indianern. Im 20. Jahrhundert blieben die Survival-Techniken vorerst für das Militär, speziell für Pioniere, relevant, eventuell auch für Jäger.

Massiven Zulauf bekam die Szene während des Kalten Kriegs, als mindestens die Hälfte der amerikanischen Bevölkerung einen sowjetischen Atom-Erstschlag befürchtete und überlegte, wie man dennoch überleben könne.

Nur eine besondere Art der Versicherung

Der Atom-Erstschlag ist heute zwar unwahrscheinlich geworden, aber an seine Stelle sind nicht nur teilweise durchaus realistische Terror-Szenarien getreten, sondern auch Ängste anderer Art gemäß der Regel, dass es nichts, absolut nichts gibt, was bei einer entsprechenden psychischen Disposition nicht Angst auszulösen vermag, ob das nun Fliegen, Viren oder Bakterien sind, die Explosion eines Atomkraftwerks oder der Zusammenbruch sämtlicher Währungen weltweit.

Reine Spinnerei? - Wallner fragt mich, ob ich eine Krankenversicherung habe. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts hätte das als Verschrobenheit gegolten. Erst 1883 führte Reichskanzler Otto von Bismarck die gesetzliche Krankenversicherung in Deutschland ein, 1889 folgte Österreich. Heute ist die Krankenversicherung, zumindest in unseren Regionen, die Normalität. Eine Versicherung ist schließlich nichts anderes als eine Vorsorge. Weshalb nicht auch Vorsorge gegen andere Unwägbarkeiten treffen, etwa gegen einen Versorgungsengpass?

So versorgen sich Preppers mit allem, was sie für den Notfall zu brauchen meinen: lang haltbare Nahrungsmittel vor allem, natürlich auch Medikamente, Brennstoff, Decken, Zelte.

Manfred Wallner gehört zu jenen Preppers, die damit rechnen, es könnten ein bis drei Monate Überbrückungszeit notwendig sein. Schützenhilfe kommt dabei von hochoffizieller Stelle: Das Deutsche Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe rät in einer Broschüre expressis verbis: "Für alle Fälle sollte jeder Haushalt einen Vorrat an Lebensmitteln und Getränken für ein bis zwei Wochen anlegen. Bei der Auswahl sollte darauf geachtet werden, dass die Esswaren auch ohne Kühlung länger gelagert und (z. B. bei einem Stromausfall) auch kalt gegessen werden können." Und das sind keineswegs die einzigen Tipps, es folgen weitere für die konkrete Anlegung und Verwaltung der Vorräte, für Kleidung, für Kommunikationsmittel. Eine Bundesstelle im Prepper-Wahn? - Wohl kaum.