• vom 11.12.2012, 17:17 Uhr

Kultur


Feiertage

Feste feiern wie einst die Heiden




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Von Edwin Baumgartner

  • Niemand weiß, wann Christus geboren wurde, und Geburtstage haben nichts mit dem Christentum zu tun
  • Weihnachten, Ostern oder Geburtstag: Heidnische Bräuche sind unausgelöscht.

Auch der Christbaum vor dem Wiener Rathaus müsste eigentlich "Mithras-Tanne" heißen. Das frühe Christentum versuchte, den heidnischen Staatskult durch Weihnachten zu verdrängen.

Auch der Christbaum vor dem Wiener Rathaus müsste eigentlich "Mithras-Tanne" heißen. Das frühe Christentum versuchte, den heidnischen Staatskult durch Weihnachten zu verdrängen.© apa/Oczeret Auch der Christbaum vor dem Wiener Rathaus müsste eigentlich "Mithras-Tanne" heißen. Das frühe Christentum versuchte, den heidnischen Staatskult durch Weihnachten zu verdrängen.© apa/Oczeret

"Kevin, kumm umme!" Die Mutter ruft ihren etwa zwölf Jahre alten Sprössling zum Einsteigen in den Bus Linie 13A. Der Gedanke keimt auf: Wie könnte Kevins Nachname sein? Vielleicht Vetricek? Doch Kevin kümmert sich nicht um Namen, sondern um Weihnachtsgeschenke. Während der paar Stationen, die er und ich denselben Bus benützen, listet er seiner Mutter so an die zehn Sachen auf, die er gerne hätte. Das meiste davon sagt mir nichts, wahrscheinlich sind es Videospiele. Die Mutter, etwas genervt, offenbar kennt sie die Liste in- und auswendig, meint, Kevin solle dem Christkind einen Brief schreiben.

Weihnachten - Geschenke, ein Synonym, das von Jahr zu Jahr passender unpassend scheint, vielleicht auch, weil die Geschäfte von Jahr zu Jahr die Weihnachtszeit so um gefühlte drei Wochen vorverlegen, damit der Konsument feiern kann, was zu feiern ist. Doch was ist zu Weihnachten zu feiern? Irgendeine Vorstellung davon hat wirklich jeder Mensch, zumindest jeder der westlichen Hemisphäre. Bloß ob jedermensch damit recht hat, das ist die Frage.


Christi Geburt im letzten Dezember-Drittel? - Einmal jenes Buch zu Rate gezogen, in dem die Begebnisse aufgezeichnet sind, also die Bibel. Der Evangelist Lukas gibt den detailliertesten Bericht von Christi Geburt. Unter anderem schreibt er: "Es waren auch Hirten in derselben Gegend, die draußen im Freien lebten und in der Nacht Wache über ihre Herden hielten."

Erbarmungswürdige Hirten! - Unter null Grad fällt die Temperatur im Dezember zwar selten in den damaligen römischen Provinzen, die heute in etwa das Staatsgebiet von Israel ergeben, aber arg kühl ist es und vor allem nass: 70 Prozent des Regens fällt zwischen November und März. Gute Hirten stellen das Vieh da in den Stall und begeben sich selbst in irgendeine Behausung. Außerdem: Man stelle sich vor, was der glänzende Dramaturg Lukas aus solchen Witterungsbedingungen gemacht hätte, um das einschneidende Ereignis zu inszenieren.

Lässt sich aus den Evangelien ein konkretes Geburtsdatum Jesu ableiten? - Nicht ansatzweise. Die Urchristen stehen der Überlieferung am nächsten und könnten es am ehesten wissen, doch interessieren sie sich nur für Todestage. Geburtstage gelten ihnen als heidnisches Relikt. Im 3. Jahrhundert legt Hippolyt von Rom das Datum von Jesu Geburt auf den 14. Nisan. Dieser Monat des jüdischen Kalenders beginnt Mitte März und dauert 30 Tage. Aber die Annahme geht von einer willkürlichen Parallelsetzung Jesu mit Isaak aus.

Liturgische Christi-Geburt-Feiern sind in Altpalästina hingegen für die Zeit von 16. bis 28. Mai vorgesehen. Eine Reliquienkapsel im Museum von Konstantinopel stellt eine Krippe dar und verweist auf den 25. Mai - Daten, die reine Annahmen sind, basierend auf frühchristlicher Mystik. Erst Furius Dionysius Filocalus setzt in seinem "Chronograph" von 354 Weihnachten auf den 25. Dezember - bloß: Was treibt ihn an?

Aurelianus feiert Mithras am 25. Dezember
Der römische Kaiser Lucius Domitius Aurelianus (214-275) kämpft gegen den Zerfall des antiken Riesenreichs - und kommt auf die Idee, die Einheit durch den Kult für einen reichsweiten obersten Gott zu betonen. Der römische Polytheismus nimmt schon längst nicht mehr genau, wer Götterchef ist. Der reichsweit populärste Gott ist Mithras, ursprünglich der Sonnengott der östlichen Provinzen, von den Römern als Sol Invictus (unbesiegter Sonnengott) verehrt. Obendrein vermischen sich Sol-Invictus- und Caesaren-Kult, die Parallelsetzung Sol-Invictus/Caesar betreibt bereits Caracalla. Folgerichtig erhebt Aurelianus Sol Invictus zum "Herrn des Römischen Reichs", baut ihm einen Tempel - und legt einen Staatsfeiertag für den neuen Obergott fest: den 25. Dezember.

Der missionarische Erfolg des frühen Christentums beruht auf zahlreichen Faktoren, von denen ein nicht zu unterschätzender ein psychologischer Trick ist: Man setzt sich, bildlich gesprochen, nicht neben die heidnischen Religionen, denn das würde diesen immer noch Zulauf ermöglichen, sondern gleichsam auf sie drauf: Kirchen werden an den Stätten der Tempel gebaut, das Bilderverbot fällt, um den bildergewöhnten Heiden eine christliche Vorstellungswelt zu vermitteln, heidnische Symbole, in Norwegen etwa Thorshammer und Midgardschlange, werden in die Dekoration der Kirchen integriert - und man legt christliche Feiertage auf die Daten der heidnischen. Dass also das zweithöchste Fest der Kirche, Weihnachten, just am Mithras-Feiertag stattfindet, ist kein Zufall. Und da Christi Geburtsdatum ohnedies unbekannt ist, hat man beim Datum freie Hand.

Das höchste Fest der Kirche nämlich, jenes der Auferstehung, kann man nicht beliebig verlegen, denn es ist biblisch an das jüdische Passah gebunden, das vom 15. bis 22. Nisan gefeiert wird. Wir erinnern uns: Jesus ging nach Jerusalem, um Passah zu feiern, in der Folge kommt es zum Passions-Geschehen.

Freilich ist auch das Auferstehungsfest, speziell in Mittel- und Westeuropa, mit heidnischen Fruchtbarkeitssymbolen wie Hasen und Eiern befrachtet - und es überschneidet sich mit einem nicht minder heidnischen Sonnenkult: Die im Osten aufgehende Sonne, von der Ostern seinen Namen hat, wird als Symbol für den Auferstandenen gedeutet: Sonnengott Jesus.

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Dokument erstellt am 2012-12-11 17:20:04


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