Sie kamen beide aus dem österreichischen Kronland Galizien, das sie als junge Männer zum Studium in Wien verließen, erlebten beide das Judentum als prägende Religion und Sozialisation, wählten beide die deutsche Sprache zu ihrem Ausdrucksmittel, betrieben beide Journalismus und verfassten Romane, schrieben beide für die renommierte "Frankfurter Zeitung", flohen beide vor den Nationalsozialisten ins französische Exil und blickten beide zeitweise mit melancholischem Blick zurück auf die untergegangene Welt der Habsburger Monarchie. Joseph Roth (1894-1939) und Soma Morgenstern (1890-1976), von denen hier die Rede ist, hatten viele Gemeinsamkeiten und waren über Jahrzehnte Freunde.

Den Lebensspuren der beiden Autoren folgt jetzt die von Heinz Lunzer, dem ehemaligen Leiter der Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur, und seiner Frau Victoria Lunzer-Talos eingerichtete Ausstellung "So wurde Ihnen die Flucht zur Heimat. Soma Morgenstern und Joseph Roth. Eine Freundschaft" in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main. Reichlich angereichert mit Handschriften, Tagebüchern, Briefen, Zeitungen, Büchern, Fotos und Grafiken begleitet die Schau Roths und Morgensterns Weg von Galizien über Wien und Berlin nach Paris, wo Roth am 27. Mai 1939 starb, während Morgenstern nach Amerika emigrierte.

Lebensmittelpunkt Café

Etwa 150 Kilometer liegen die Geburtsorte der beiden auseinander: Budzanow, wo Soma Morgenstern 1890 als jüngstes von fünf Kindern eines Gutsverwalters zur Welt kam, und Brody, wo Joseph Roth als Sohn eines Getreidehändlers vier Jahre später geboren wurde. Zeitlebens sollte diese Welt der ostgalizischen Kleinstädte und Dörfer beide Autoren nicht loslassen.

Das erste Mal trafen beide wahrscheinlich am Vorabend des Ersten Weltkrieges an der Lemberger Universität aufeinander, an der Roth Literatur und Morgenstern Rechtswissenschaften studierte. Schon zu Schulzeiten drängte es Roth zum Schreiben, während Morgenstern sich zunächst für Musik und für Architektur interessierte und erst 1921 damit begann, Theaterstücke zu verfassen. Nach ihrem Dienst im Krieg kamen beide 1918 wieder nach Wien, Morgenstern als Student, Roth als Journalist.

Ab 1923 war Joseph Roth für die "Frankfurter Zeitung" tätig, deren kapriziöser, sehr gut bezahlter Starjournalist er bald werden sollte. Bis 1932 veröffentlichte das Blatt vier Romane Roths in Fortsetzungen und über 330 seiner journalistischen Texte. Im Auftrag der Zeitung berichtete er aus Frankreich, Russland, Polen, Italien und vom Balkan. Er lebte überwiegend in Hotels. Seine im Berliner Kiepenheuer Verlag erschienenen Romane "Hiob" (1930) und "Radetzkymarsch" (1932) gehören zu den großen Erfolgsromanen der Weimarer Republik.

In der Hoffnung, sein Leben als Theaterkritiker bestreiten zu können, übersiedelte Soma Morgenstern Mitte der Zwanziger Jahre nach Berlin, wo er zunächst Buchrezensionen veröffentlichte. Das trug ihm 1927 eine Stelle bei der "Frankfurter Zeitung" ein, als deren Kulturkorrespondent er im folgenden Jahr nach Wien zurückkehrte. Der Arbeit der beiden Freunde für das renommierte Frankfurter Blatt ist ein Schwerpunkt in der Ausstellung gewidmet, der auch Konflikte und Auseinandersetzungen in der Redaktion deutlich werden lässt.

Roths wie Morgensterns Lebensmittelpunkt war das Caféhaus. Während Roth sich an den Unterhaltungen der anderen Gäste und dem Lärm der Umgebung nicht störte und fast ausschließlich an diesem Ort schrieb, diente Morgenstern das Café als Nachrichtenbörse und Ort des Informationsaustauschs mit Kollegen und Freunden. Für seine Frau Friederike, die 1928 an Schizophrenie erkrankte, gab Joseph Roth über Jahre große Summen für Pflege und Therapie aus. Als er 1933 nicht mehr in der Lage war, das Geld aufzubringen, half ihm der Freund Morgenstern, für sie einen Platz in einem Sanatorium zu finden. Kurz darauf brachten sie die Nazis im Rahmen ihres Mordprogramms gegen "geisteskranke" Menschen um.

Heimat Donaumonarchie

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 endeten Joseph Roths Publikationsmöglichkeiten in Deutschland. Allerdings war er einer der wenigen Autoren, denen es gelang, seine Texte in den folgenden Jahren in französischen Publikationen zu platzieren. Durch die "Arier-Bestimmung" des NS-Schriftleitergesetzes verlor Morgenstern seine Stelle bei der "Frankfurter Zeitung". Noch 1935 konnte aber sein erster Roman "Der Sohn des verlorenen Sohnes", der erste Band seiner geplanten Romantrilogie "Funken im Abgrund", in Deutschland im jüdischen Erich Reiss Verlag veröffentlicht werden. Morgenstern, der eine strenge jüdische Erziehung genoss, die ihn lebenslang prägte, imaginierte in diesem Werk die Rückkehr ins Judentum, in die gewachsene multiethnische Gesellschaft im Galizien seiner Jugend. Verkauft werden durfte das Buch nach dem Willen der Nazis allerdings nur noch an jüdische Leser.

Am Tag des "Anschlusses" Österreichs an Nazideutschland flüchtete Morgenstern 1938 über die Schweiz nach Paris. Sein Sohn, der erkrankt war, und seine Frau mussten zurückbleiben, konnten aber später nach Schweden entkommen. Während ihres Exils in der Stadt an der Seine lebten Roth, der Berlin schon 1933, am Tag der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, verlassen hatte, und Morgenstern über ein Jahr gemeinsam im kleinen "Hotel de la Poste", wo Morgenstern sich um den schwer von seiner Alkoholabhängigkeit gezeichneten Freund bis zu dessen Tod kümmerte. Das darunter gelegene "Café Le Tournon", in dem Roth Tag für Tag schreibend saß, wurde zum Anlaufpunkt zahlreicher Flüchtlinge und deren französischer Sympathisanten.