"Bitte, zeichne mir ein Schaf." Welch ein Auftritt! Gewiss einer der besten der gesamten Literaturgeschichte.

Das ist die Situation: Der Pilot musste in der Sahara notlanden und überlegt, wie es weitergehen könnte. Da tritt dieser Knirps zu ihm, bittet ihn, ein Schaf zu zeichnen, lehnt jede der Zeichnungen ab und ist erst zufrieden, als der Pilot eine Kiste zeichnet und erklärt, das Schaf sei innen drin. Der Knirps, der ein Prinz ist, kommt von einem anderen Stern, der ziemlich klein ist. So klein, dass er in seiner Existenz von den Wurzeln der Affenbrotbäume bedroht wird, die ihn zerquetschen könnten. Auf seinem Planeten hat der Prinz eine Rose, die er liebt, aber ihre Eitelkeit ging ihm auf die Nerven. So macht er sich zu einer Reise durch das Weltall auf, um Freunde zu finden, doch er trifft nur seltsame Menschen an, alles Erwachsene, die mit absonderlichen Tätigkeiten und Ideen ausschließlich um sich selbst kreisen. Auch auf der Erde sammelt er Erfahrungen, doch die Sehnsucht treibt ihn zu seiner Rose zurück. Da sein Körper für die Reise zu schwer ist, lässt er sich von einer Schlange beißen, um sich der Hülle zu entledigen. Der Pilot repariert sein Flugzeug und kehrt in die Welt der Menschen zurück.

Seit genau 70 Jahren verzaubert "Der kleine Prinz" die Leser. 2004 lag das Buch auf dem fünften Platz bei der großen "FAZ"-Umfrage "Die 50 beliebtesten Bücher der Deutschen", und überhaupt rutscht es praktisch nie aus den Top-Ten hinaus, wenn es um die beliebtesten Bücher aller Zeiten geht. Mit mehr als 80 Millionen verkauften Exemplaren ist "Der kleine Prinz" längst auch ein kommerzieller Erfolg. Nur die Bibel und der Koran sind öfter verkauft worden. Der Autor freilich konnte ihn nicht genießen: Antoine de Saint-Exupéry startete am 31. Juli 1944 zu einem Aufklärungsflug über das Meer in Richtung Marseille. Er kehrte nie zurück. Seither ist die Literaturgeschichte um ein Mysterium reicher.

Die gängige Version ist, dass Saint-Exupéry vom deutschen Jagdflieger Horst Rippert abgeschossen wurde. Allerdings liegt kein Abschussbericht vor. Auch ein technischer Defekt wäre möglich - und sogar ein Suizid, denn Saint-Exupérys Briefe aus dieser Zeit zeigen eine Depression. Der begeisterte Flieger sollte aus Altersgründen vom aktiven Dienst ausgemustert werden.

Im Jahr 2000 ortet der Marseiller Unterwasserforscher Luc Vanrell Teile von Saint-Exupérys Maschine auf dem Grund des Mittelmeers in der Nähe der Île de Riou - und das ist erheblich weit entfernt von Saint-Exupérys vorgegebener Route für den schicksalhaften Flug. Wollte der Pilot auf eigene Faust Aufklärungsbilder von Marseille machen, um durch ein solches Husarenstück seine Weiterverwendung zu erzwingen?

Maschinenkult

Fliegen war jedenfalls der Lebensinhalt des am 29. Juni 1900 in Lyon geborenen Saint-Exupéry. In seinem Selbstverständnis war er ein schriftstellernder Pilot, kein hauptberuflicher Autor (und schon gar kein hauptberuflicher Zeichner, obwohl seine Illustrationen im "kleinen Prinzen" verraten, dass er ein erstklassiger Comics-Zeichner hätte sein können). So kreisen denn auch nahezu alle seine Erzählungen um das Fliegen, auch um die Gefährlichkeit des Fliegens, viele davon verarbeiten eigene Erlebnisse oder Geschichten, die im Kollegenkreis erzählt wurden.

Also Abenteuerliteratur? - Auf einer Ebene sicherlich auch das. Aber es ist Saint-Exupérys Sprache, die seine Bücher weit über die einschlägige Literatur erhebt. Schon in seinem ersten Buch, "L‘Aviateur" ("Der Flieger", 1926), gibt es Metaphern, die zugleich berauschen und verstören: Die Vergötzung des Flugzeugs wird bis zu einer Quasi-Verschmelzung des Menschen mit der Maschine getrieben. Nur der tiefe Humanismus kann den Technik-Kult ausbalancieren.

"Vol de Nuit" ("Nachtflug", 1931) ist in seinem geistigen Überbau noch gefährlicher: Der Postflieger Fabien muss in einer Nacht während eines Gewitters über Argentinien in seiner Maschine um sein Leben kämpfen. Obwohl es unausgesprochen bleibt, ist klar, dass er den Flug nicht überleben wird. Fabiens Vorgesetzter Rivière verfolgt über Funk vom Boden aus den Kampf des Piloten mit den Elementen. Rivière hat ihn in voller Kenntnis des Risikos zu dem Flug veranlasst. Rivière beginnt zwar, an dem "Règlement", der unbedingten Einhaltung des Flugplans, zu zweifeln, doch die Erzählung stellt unübersehbar die Frage, ob es nicht - durchaus weltliche - Instanzen gibt, denen die Wichtigkeit des Lebens unterzuordnen ist. Mit dementsprechend stoischer Gelassenheit akzeptiert Fabien sein Schicksal und wird durch seinen letzten Endes tödlichen Dienst am Fortschritt als tragischer Held für eine neue Zeit inszeniert.

Wie sehr liefert sich Saint-Exupéry, dessen Werk so oft als Aufruf zur Menschlichkeit verstanden wird, eigentlich wirklich Nietzsches Philosophie vom Übermenschen aus? - Berührungsängste mit ihr kennt der Franzose jedenfalls keine, und sein unvollendetes nachgelassenes Werk "Citadelle" ("Die Stadt in der Wüste", 1948) liest sich bisweilen wie eine Kombination aus Übermenschentum und Existenzialismus. Da kann der sich selbst zur mythischen Gestalt überhöhende König eines kriegerischen Wüstenvolks durchaus ein Herrendenken mit klaren Rangordnungen vertreten und einen kriegerisch-ritterlichen Geist verherrlichen, der auf einen ersten Blick in einigen Überlegungen nicht so weit von jenem Denken entfernt ist, das zur Zeit der Abfassung der gewaltigen Erzählung das deutsche Nachbarland vergiftet.