Der Studentenkomplex von Timisoara, im westrumänischen Banat, liegt rund einen Kilometer südlich der Innenstadt: über ein Dutzend Wohnheime, manche an die hundert Meter lang, dazwischen Fast-Food-Lokale und Copyshops. Jetzt im Sommer eine Geisterstadt. Diese aus Studentenheimen bestehenden Viertel gibt es in vielen rumänischen Städten, Überbleibsel der kommunistischen Utopie und ihrer progressiven Bildungspolitik. Wie es im Inneren dieser Utopie aussah, hat Herta Müller in mehreren Romanen geschildert: "Ein kleines Viereck als Zimmer, ein Fenster, sechs Mädchen, sechs Betten, unter jedem ein Koffer", heißt es in "Herztier". Das Studentenheim als Metapher für die Konformität, die der Kommunismus von den Menschen verlangte.

Heimatliche Gefühle im Wiener weckt der katholische Dom von Timisoara: Fischer von Erlach hat ihn entworfen, der Sohn des Karlskirchen-Erbauers. - © Flavius Ungureanu
Heimatliche Gefühle im Wiener weckt der katholische Dom von Timisoara: Fischer von Erlach hat ihn entworfen, der Sohn des Karlskirchen-Erbauers. - © Flavius Ungureanu

Für die literarische Auseinandersetzung mit der Diktatur wurde Herta Müller 2009 der Nobelpreis verliehen. Die Autorin, die dieser Tage ihren 60. Geburtstag feierte, stammt aus einer kleinen Ortschaft in der Nähe. Nach Timisoara kam sie als 15-Jährige, um das deutschsprachige Gymnasium zu besuchen. Heute gehen in die Schule im Stadtzentrum von Temeswar - so lautet der deutsche Name - hauptsächlich rumänische Kinder bildungsbewusster Eltern. In und um Temeswar haben sich zahlreiche österreichische und deutsche Firmen angesiedelt, erzählt der Wirtschaftsjournalist Marcel Hoster. Deutschkenntnisse sind gefragt. Der Kreis Timis ist nach Bukarest die zweireichste Region Rumäniens. Dass es bis zur ungarischen Grenze nur circa 70 Kilometer sind, hat allerdings auch dazu geführt, dass Timisoara zu einer Drehscheibe des Mädchenhandels wurde.

Zu Müllers Schulzeit gehörte noch der Großteil der Schüler, so wie sie selbst, der deutschen Minderheit im Banat an. Diese Banater Schwaben kamen durch die Ansiedlungspolitik des Wiener Hofes im 18. Jahrhundert in die seit 1718 zum Habsburgerreich gehörende Region. Bis 1945 stellten sie die Mehrheit der Stadtbevölkerung. Nach dem Krieg wurden viele in die Sowjetunion deportiert; von denen, die zurückkamen, wanderten viele während des Kommunismus aus, freigekauft durch die BRD, weil Ceausescu Devisen brauchte. Die größte Emigrationswelle setzte aber erst nach 1990 ein, als die rumänische Wirtschaft am Boden lag.

Kritik einer Ausgelieferten

Die Steintafel, die in der Eingangshalle der Schule prangt und Herta Müller als "Erste Banater Nobelpreisträgerin für Literatur" ausweist, ist insofern ziemlich optimistisch formuliert. Immerhin gibt es sie. In der Universität, wo Müller Anfang der siebziger Jahre Rumänistik und Germanistik studierte, sucht man eine derartige Würdigung vergeblich. Müller hat in Rumänien viel Kritik auf sich gezogen - nicht allen ist es recht, dass sie, die noch vor der Wende das Land verließ, bis heute die Verbrechen der Securitate anprangert. Und viele Banater Schwaben sehen sie wegen ihrer Abrechnung mit deren konservativer Gesellschaft als Netzbeschmutzerin. Nicht umsonst schrieb die Nobelpreisjury 2009, Müller erschaffe in ihrer Literatur "Landschaften der Heimatlosigkeit".