• vom 20.01.2014, 14:34 Uhr

Kultur

Update: 20.01.2014, 14:58 Uhr

Nachruf

"Nennt mich Claudio!"




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Von Edwin Baumgartner

  • Claudio Abbado starb im Alter von 80 Jahren in Bologna.

Claudio Abbado, der Star, der nie einer seiner wollte. - © ap/Keystone/Sigi Tischler

Claudio Abbado, der Star, der nie einer seiner wollte. © ap/Keystone/Sigi Tischler

Claudio Abbado ist tot. Der Italiener, der als einer der bedeutendsten Dirigenten der Gegenwart galt, starb gestern, Montag, in Bologna. Mit Wien war Abbado seit Beginn seiner Musikerlaufbahn verbunden: Er studierte Dirigieren an der damaligen Hochschule (jetzigen Universität) für Musik und darstellende Kunst bei Hans Swarowsky, 1986 bis 1991 war er Musikdirektor der Wiener Staatsoper, 1987 wurde er zum Generalmusikdirektor der Stadt Wien ernannt, 1988 gründete er das Festival Wien Modern.


Der Moment, der über den Menschen und den Musiker Abbado am meisten aussagt, war indessen der 8. Oktober 1989: Claudio Abbado wurde von den Musikern der Berliner Philharmoniker zum Nachfolger des in diesem Jahr verstorbenen Herbert von Karajan als Chefdirigent gewählt. Die Musiker hatten genug vom despotischen Dirigententum, von Musik als Weihedienst mit dem Maestro als Hohepriester, sie wollten in eine neue Zeit aufbrechen: Lebendiges Musizieren war angesagt, weit aufgerissene Fenster, zu denen frischer Wind die letzten Reste karajanischer Weihrauchschwaden hinausblasen sollte. Dafür schien Abbado der Richtige.

Frischer Wind in Berlin
Es passte alles: Karajan galt, nicht nur aufgrund seiner NS-Vergangenheit, als rechts, Abbado sympathisierte offen mit den Linken und begeisterte sich für die Musik des KPI-Mitglieds Luigi Nono. Karajan zwang seine eigenen Vorstellungen dem Orchester auf, Abbado eilte der Ruf voraus, offen zu musizieren, die Interpretationen mit den Musikern zu erarbeiten. Karajan galt als Diktator, und jetzt sollte mit Abbado die Demokratie Einzug halten.

So schön, wie es gedacht war, wurde es dann aber nicht. Speziell am Anfang kam es zu Unstimmigkeiten. Die Freiheit war zwar angenehm, aber auch ungewohnt. Fehler im Zusammenspiel und ein Verlust an Klangschönheit ließen Kritiker die Ohren spitzen. Man munkelte, Abbado sei lustlos, seine Impulse würden nicht zünden. Das Orchester brauchte einige Zeit für die Umstellung, ehe der frische Wind das Schiff in die richtige Richtung vorantrieb.

Bis 2002 blieb Abbado Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Es war zweifellos der Höhepunkt seiner Karriere - die freilich an Höhepunkten reich war. Geboren wurde Abbado am 26. Juni 1933 in Mailand als Sohn eines Geigers und einer Klavierlehrerin, die auch Kinderbücher verfasste. Er studierte zuerst Klavier, Komposition, Harmonielehre, Kontrapunkt, erst später erfolgte die Ausbildung in Orchesterleitung. Außerdem belegte Abbado einen Kurs in Literatur bei dem Lyriker Salvatore Quasimodo, dem später, 1959, der Nobelpreis für Literatur zuerkannt wurde. Zubin Mehta, selbst ein Lieblingsschüler Hans Swarowskys, vermittelte Abbado dann in dessen Wiener Dirigentenklasse.

Nach dem Abschluss verweigert Abbado den Blitzstart als Dirigent: Er geht nach Parma, wo er Kammermusik unterrichtet. In Triest dirigiert er seine erste Oper: "Die Liebe zu den drei Orangen" von Sergej Prokofjew - eine Überzeugungstat eher als ein gezielter Karriereschritt.

Doch die Mailänder Scala wird auf ihn aufmerksam und verpflichtet ihn regelmäßig. Beginnt so der Höhenflug? - Abbado zieht sich wieder in die zweite Reihe zurück, assistiert lieber fünf Monate lang Leonard Bernstein, als selbst im Rampenlicht zu stehen. Starrummel ist nichts für den sensiblen und umfassend gebildeten Abbado - und er wird Glanz und Gloria des Stardirigentenlebens nie mögen.

Fast scheint es, als würde sich die Karriere ihm aufdrängen: Engagements bei den Wiener Philharmonikern, Plattenaufnahmen. Er spielt Mahler ein, damals noch eine Pionierleistung. Das konservative Publikum der Londoner Covent Garden Opera macht er mit Strawinskis "Oedipus rex" und Alban Bergs "Wozzeck" bekannt. In Konzerten setzt er immer wieder die Musik Luigi Nonos an, der Pianist Maurizio Pollini gehört zum Freundeskreis, auch er propagiert die Neue Musik.

Ab 1979 arbeitet Abbado als ständiger Dirigent des London Symphony Orchestra, von 1983 bis 1986 ist er dessen Chefdirigent. 1980 ernennt ihn außerdem die Mailänder Scala zu ihrem Chefdirigenten. Er bleibt bis 1986. Es ist sicherlich kein Zufall, dass die szenische Uraufführung von Karlheinz Stockhausens "Samstag aus Licht" in diese Ära fällt, wenngleich Abbado nicht selbst am Pult steht.

Wiener Probleme
1982 bis 1985 arbeitet er als Erster Gastdirigent mit dem Chicago Symphony Orchestra. 1984 gibt Abbado sein Debüt an der Wiener Staatsoper mit Giuseppe Verdis "Simon Boccanegra". Als er 1986 seine Verpflichtungen in Mailand niederlegt, wird er als Chefdirigent an das Wiener Haus geholt. Direktor ist Claus Helmut Drese.

Sehr bald wird nun Kritik laut, Abbado begeistere sich allzu intensiv für ausgefallene Projekte von geringem Wert für das Repertoire. Um zu erfahren, dass Produktionen wie Modest Mussorgskis "Chowanschtschina", Franz Schuberts "Fierrabras", Gioachino Rossinis "Viaggio a Reims" und seine "Italiana in Algeri", Bergs "Wozzeck" und Claude Debussys "Pelléas et Mélisande" maßstabsetzend sind, muss man ausländische Zeitungen lesen. Im Inland nimmt das lediglich die "AZ" so wahr, in der Gerhard Rosenthaler vehement für die Direktion Drese/Abbado eintritt. In den anderen österreichischen Printmedien werden selbst Modellproduktionen Abbados wie Richard Strauss’ "Elektra" und Giuseppe Verdis "Don Carlo" bestenfalls mit nachdrücklichem Schulterzucken aufgenommen.

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Dokument erstellt am 2014-01-20 14:38:04
Letzte Änderung am 2014-01-20 14:58:04


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