• vom 08.04.2014, 16:16 Uhr

Kultur


Kriegsveteranen

Helden a. D.




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Der Krieg ist heute auch in seinem Kopf vorbei: Jurica M., einst von Kugeln durchbohrt.

Der Krieg ist heute auch in seinem Kopf vorbei: Jurica M., einst von Kugeln durchbohrt.© Zoran Marinovic Der Krieg ist heute auch in seinem Kopf vorbei: Jurica M., einst von Kugeln durchbohrt.© Zoran Marinovic

Andere Sorgen
In einem chinesischen Schnellrestaurant in München versuchte er mit Händen und Füßen, Essen zu bestellen. "Sie können hier gerne auf Kroatisch bestellen", lachte ihn eine Kellnerin an. Er starrte auf sie verwirrt. Sie klang ganz klar serbisch. "Es war unfassbar. In meinem Kopf tobte noch der Kampf, und plötzlich bekam ich in Deutschland chinesisches Essen von einer Serbin. Auch zahlen musste ich dann nicht mehr. Ab dem Moment ging auch für mich der Krieg zu Ende."

Erst später, als sich der neue Staat konsolidierte, fiel es auf, dass die Veteranen nicht nur Einkommen und Anerkennung brauchen, sondern auch eine Art Betreuung oder Therapie, die das Kroatien der 90er Jahre nicht kannte. "Damals ging es um große Sachen, um Unabhängigkeit, um die Nation, um Demokratisierung. Die meisten hatten andere Sorgen als Behinderung und psychische Störungen", erinnert sich Marica Mirić vom Kroatischen Dachverband der Menschen mit Behinderung, SOIH. Er zählt mittlerweile 250 Mitgliedervereine und ist im südosteuropäischen Kontext einzigartig. "Es ist hauptsächlich deren Verdienst, dass Kroatien die entsprechende UN-Konvention ratifizierte", stellt Mira Knežević fest. Sie arbeitet im Amt der kroatischen Beauftragten für Menschen mit Behinderung.

Wenig Hilfe auf dem Land
"Es hat lange gedauert, bis diese Fortschritte möglich waren. Heute noch gibt es Probleme bei der konkreten Implementierung der Gesetze, vor allem außerhalb der Großstädte", sagt Knežević. Das Land steckt trotz EU-Beitritt seit Jahren in einer tiefen Wirtschaftskrise, es herrschen wie überall in Europa die Sparprogramme; Investitionen, egal für welchen Zweck, kommen im Moment für die öffentlichen Kassen nicht in Frage.

Die Situation betrifft alle Menschen mit Behinderung, viele Veteranen leiden zusätzlich unter dem immer noch mageren Angebot an spezifischen Programmen, vor allem in ärmeren Provinzen wie Slawonien. "Da diese Gegend stark umkämpft war, gibt es hier auch viele ehemalige Kämpfer, auch viele mit Behinderung. Und da der Schaden erheblich war, erholte sich Slawonien nie von der Misere", erklärt Darko Kralj. Er ist ein starker Mann mit tiefen, blauen Augen. Bei den Paralympics 2008 in Peking hat er im Kugelstoßen Gold gewonnen. In der Vierzimmerwohnung, in der er mit Frau und drei Kindern wohnt, hat er Zeitungsausschnitte und Poster aus seiner Sportkarriere an die Wände geklebt. Hinter der Glastür des Schranks hängen alle Medaillen.

Grubino Polje, eine Kleinstadt mit rund 6500 Einwohnern, liegt auf halber Strecke zwischen Zagreb und Osijek, rund herum nur Ackerland: die slawonische Ebene. "Das ist nicht Dalmatien, es gibt weit und breit keine Touristen. Das ist eben das Problem", lacht Kralj. Für ihn hat der Krieg in diesem kleinen Ort begonnen. Es war im Sommer 1991, ganz am Anfang der Auseinandersetzungen. Als radikale Gruppen aus der serbischen Minderheit in Slawonien gewalttätig wurden, musste er intervenieren. Kralj war damals Polizist. "Es war ein Diensteinsatz. Sofort mussten wir feststellen, dass es nicht nur serbische Paramilitärs waren, sondern auch Einheiten der Jugoslawischen Volksarmee."

Sport als Therapie
Plötzlich sahen sie Lichter in der Nacht. Der Gegner hatte zugeschlagen, sechs Kollegen starben auf der Stelle, Kralj und andere waren schwer verletzt. Mit einem Helikopter wurden sie ins Krankenhaus transportiert. Fernsehkameras warteten auf sie, die Bilder machten international die Runde. An die Details dieses unerwarteten Fernsehauftritts kann sich Kralj nicht mehr genau erinnern. Sein linkes Bein war ihm damals wichtiger - die Ärzte mussten es schließlich amputieren.

Wie für andere Veteranen spielte der Sport auch für Kralj eine wichtige Rolle, sowohl bei der Wiederherstellung der Mobilität als auch bei der Anpassung an die Friedenszeit. Über 80 Prozent der kroatischen Veteranen litten oder leiden unter PTSD. Die Belastungsstörung kann manchmal mit den Jahren von allein verschwinden. "Wenn man Glück hat wie ich", lacht Kralj. Oft aber sie muss therapiert werden, was außerhalb der Großstädte nur selten möglich ist.

Kralj engagiert sich deshalb bei einem lokalen Veteranenverein. "Am Anfang gab es einfach viel Redebedarf, wir wollten unsere Erfahrungen teilen. Später haben wir versucht, hier in Grubino Polje und anderen Orten der Region ein institutionelles Angebot zu organisieren." Seit zwei Jahren gibt es einen Therapeuten, der einmal in der Woche aus Osijek anreist. Auch mehr Kinotherapie wird angeboten; der Verein hat die Kommunalverwaltung dazu bewegt, die Kosten zu übernehmen. Die kroatische Krankenkasse zahlt nur für ein Minimum an Rehabilitation und Therapie - den Rest muss in der Regel jeder aus eigener Tasche bestreiten. Kralj sagt, dass vor allem psychologische Beratung oft in Anspruch genommen wird. "Man braucht das halt, als Held a. D."

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Dokument erstellt am 2014-04-08 16:24:05


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