Auch das Seelenheil hat ein Preisschild - in Mariazell fein säuberlich angeschrieben. - © Robert Newald
Auch das Seelenheil hat ein Preisschild - in Mariazell fein säuberlich angeschrieben. - © Robert Newald

Der Tag beginnt mit einem verbrannten Müsli, weil wir uns nicht über die Zubereitungsart einigen können. Werden wir es so jemals zu einer Segnung der "Ehejubelpaare" anlässlich eines 25-, 40-, 60- oder noch mehr jährigen Ehejubiläums in die Basilika von Mariazell schaffen? Schaffen wir es überhaupt heute noch?

Im Mittelalter war das Pilgern für weniger Begüterte meist nicht nur mit der Veräußerung von Haus und Hof verbunden, sondern lebensbedrohlich - und damit sind nicht Blasen und Schürfwunden durch barfüßiges Fußwallfahren gemeint, sondern die vielen Gefahren für Leib und Seele auf christlichen Pilgerrouten. Kulturgeschichtlich betrachtet ist dem Pilgern eine umfassende Mühseligkeit eingeschrieben. Dass untrainierte Promis lange Pilgermärsche hinlegen, um dann über ihre ganz persönlichen Erfahrungen zu schreiben, kann nicht über den heute noch präsenten Rest dieser Einschreibung hinwegtäuschen: Wallfahren soll nicht allzu viel Freude bereiten.

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Unsere Pilgergruppe fährt ein anderes Programm. Simon (17), der Dritte in unserem Bunde, ist Sockenliebhaber. Er ist noch nie barfuß gegangen, außer vielleicht den Weg ins Badezimmer. Bloßfüßig nach Mariazell zu pilgern würde für ihn niemals in Frage kommen. Simon ist allerdings begeisterter Passagier aller möglichen Züge. Und so kommen wir auf beziehungsweise in die Mariazellerbahn, die im vorigen Jahr einen Relaunch erlebt hat. Die alten Waggons wurden getauscht, die neuen bestechen durch Panoramafenster, güldenen Anstrich und dem Aufdruck "Die Himmelstreppe". Mit der Himmelstreppe fahren wir also von St. Pölten bis Mariazell: Wallfahren ohne Mühsal.

Oder etwa doch nicht? Der erste Eindruck ist ein harter. Die Rückenlehne fühlt sich eisern an, das Sitzteil ist viel zu kurz. Ist die Mariazellerbahn eine besonders gewiefte Falle, um Wallfahrern, die ohne Strapazen wallfahren wollen, wenigstens eine harte Fahrtzeit von zweieinhalb Stunden zu bereiten? Auch das Notieren der Reiseeindrücke fällt nicht leicht. Der Innenraum der einzigen Schmalspurbahn Österreichs ist so klein, dass Ellbogen in den Gang ragen und dort von passierenden Fahrgästen gerammt werden, wenn man sie nicht einfährt. Gleichwohl richtet sich unsere Aufmerksamkeit langsam auf die Aussicht: Wir sehen goldene Rapsfelder und wie die Ebene ganz langsam in die Hügel des Voralpenlandes übergeht; kleine, alte Bahnhöfe, die aus winzigen Wartehäuschen bestehen; Streuobstwiesen, Gartensiedlungen und immer steiler werdende Almwiesen. Die Orte tragen Namen wie aus einer österreichischen Variante von "Game of Thrones": Steinschal-Tradigist. Laubenbachmühle. Erlaufklause. Die Fenster der Himmelstreppe haben Übergröße, so haben wir das Gefühl, ganz nah am Draußen zu sein.

Auf der Fahrt durchs Pielachtal erleben wir das erste Osterwunder in Form zweier Osterhasen, die über frühlingsnackte Felder hoppeln. Die Pilger scheinen alle zu Fuß unterwegs zu sein - die, die wir im Zug als solche zu erkennen glauben, steigen alle schon vor Mariazell aus. Und doch wird es im Zug zunehmend kontemplativ, je höher die Himmelstreppe den Berg hinauf steigt. Bald trällern die zuginternen Kinderchöre: "Schneeeee!"
Jedes Mal, wenn der Zug einen Flecken Weiß passiert, sind die kleinen Fahrgäste begeistert: "Schnee! Schnee!" Aber je höher wir steigen, umso weißer wird es um uns herum. So viel Schnee lässt sogar den unermüdlichen Kinderchor verstummen.

Dann, eine Sinnestäuschung, eine Erscheinung. Gibt es dort drüben, auf der Anhöhe gegenüber, noch eine zweite Schmalspurbahn? So viele Wendungen macht die Strecke, dass uns schwindelig wird und wir vergessen, woher wir gekommen sind. In diesem Zustand fällt uns die Gleichzeitigkeit zweier Jahreszeiten auf. Dort drüben auf dem Hügel ist bereits Frühling und hier noch Winter. Weitere Entdeckungen lassen sich mit Hilfe der Mitreisenden machen. "Schau", sagt ein grauhaariger Mann in schweren Wanderschuhen zu seiner Enkelin, "dort drüben ist der Ötscher." Wir sehen einen Berg, der alle anderen bei weitem überragt, die Gipfelspitze ist wolkenverhangen. Was wir aber auch sehen, spricht das Enkelkind aus: "Der Ötscher geht in den Himmel."

Vom Bahnhof Mariazell führt ein Spazierweg in den Ort hinein. In den Gärten sind Plastikostereier in Mode, wahre Osterbaumungetüme bauen sich neben uns auf. Der Spazierweg mündet in eine Kreuzung, die nun den Blick freigibt auf den Ort: Direkt vor uns eine Tankstelle mit großen Parkflächen für Touristenbusse, im Hintergrund thront die Basilika, umdrängt von Hotelgebäuden. Infrastruktur, die offenbar notwendig ist, will man eineinhalb Millionen Pilger pro Jahr beherbergen.

Pilger begegnen uns allerdings auch rund um die imposante Basilika wenige. Umso präsenter sind dafür die mannigfaltigen "Wallfahrtswaren", die die historischen Souvenirläden feilbieten: Gnadenmutterkerzen und Fischerkreuze in verschiedensten Ausführungen, original Mariazeller Magenbitter genauso wie Lebkuchen.