Seit mittlerweile fünf Wochen führe ich einen bürokratischen Kreuzzug gegen ein Kruzifix im Hörsaal. Wie das kommt?

Beim Besuch einer Psychologievorlesung wurde ich stutzig, als ich mich unter dem überdimensionierten Kruzifix wiederfand. An einer öffentlichen Hochschule? Das schien mir himmelschreiend bemerkenswert. Mir drängte sich eine ganze Menge Fragen auf: Wie viele Kruzifixe hängen an den Universitäten? Und warum eigentlich? Wer finanziert sie? Und wieso sitzt der wissenschaftliche Nachwuchs darunter?

Umfrage

Sollen religiöse Symbole in öffentlichen Räumen präsent sein?

Ergebnisse

Weil das heute am schnellsten funktioniert, teilte ich meine Beobachtung über Twitter und fragte nach, was es damit auf sich hat.

Da galt die Kritik von offizieller Seite noch als "natürlich berechtigt". Konkrete Antworten zu erhalten erwies sich aber als schwierig: Nach einer bürokratischen Odyssee von Pontius bis zum Raumplaner der Universität fragte ich: "Sind sich die Verantwortlichen bewusst, dass sie hiermit in meine persönliche Freiheit - und die aller anderen Studierenden - eingreifen?" Darauf ein lapidarer Konter: Das Kreuz hängt in dem Hörsaal, da er zur katholisch-theologischen Fakultät gehört. Wegen begrenzter Raumkapazitäten nützen auch andere Fakultäten den Saal - womit er für meine Begriffe bereits öffentlich ist. Und in einen öffentlichen Hörsaal dürfen Studierende doch keinesfalls nach Glauben oder Nichtglauben gewertet werden? Diese Reaktion mutet nach einem klassisch österreichischen "Das hamma immer schon so g’macht" an.

Der Weg des Kruzifixes

In Wirklichkeit sieht die Sache freilich anders aus: "In vielen öffentlichen Räumen hingen Kreuze mit einer gewissen Selbstverständlichkeit - quasi gewohnheitsrechtlich immer schon", so Richard Potz, Professor der Religions- und Kulturwissenschaften der juridischen Fakultät. Allerdings: Im Ständestaat mussten die Kreuze in Schulklassen dann verpflichtend hängen; unter dem Naziregime wurden sie verpflichtend abgehängt. Nach dem Dritten Reich begründete man ihre Wiederanbringung mit der Überwindung der Nazizeit.

Zwar gibt es eine traditionelle Bindung der theologischen Fakultäten an das jeweilige Bekenntnis - allerdings keine rechtliche Grundlage für das Hängen der Kruzifixe. Als pragmatische Lösung schweben Potz statt monumentaler Kruzifixe schlichte Kreuze vor. Aus kritischer Sicht bedeutet das Ersatz des einen christlichen Symbols durch eben das andere. Ganz anders sieht das Jurist Oliver Scheiber: "Religiöse Symbole haben in Klassenzimmer, Uni-Hörsaal, Gerichtssaal schlicht nichts verloren." Einfach und zeitgemäß wäre es, Kirche und Staat sauber zu trennen. Und ein notwendiges wie starkes Bekenntnis an einer Bildungsstätte.