• vom 06.05.2014, 17:00 Uhr

Kultur


Verschwörungstheorien

Weltverschwörungstheater




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Von Edwin Baumgartner

  • Die Verschwörungstheorien erreichen die Mainstream-Verlage und treiben immer neue Blüten.

Was man normalerweise als Kondensstreifen wahrnimmt, ist für den Verschwörungstheoretiker unter Umständen ein Chem-Trail. - © Philip Brown/Philip Brown/Corbis

Was man normalerweise als Kondensstreifen wahrnimmt, ist für den Verschwörungstheoretiker unter Umständen ein Chem-Trail. © Philip Brown/Philip Brown/Corbis

Meinen Augen traue ich kaum: In meiner Stammbuchhandlung liegt, umgeben von höchst seriösen Abhandlungen zur Weltpolitik der Gegenwart, "Verheimlicht, vertuscht, vergessen - Was 2013 nicht in der Zeitung stand" von Gerhard Wisnewski, und gleich daneben desselben Autors "Ungeklärt, unheimlich, unfassbar - Die spektakulärsten Kriminalfälle 2013". Beide Bücher sind erschienen im Verlag Droemer Knaur, der ganz seriös daherkommt, eigentlich, und in seinem Sachbuch-Programm Hamed Abdel-Samads "Der Untergang der islamischen Welt", Helmut Kohls "Vom Mauerfall zur Wiedervereinigung", Sebastian Haffners "Von Bismarck zu Hitler" und manches mehr an sehr Vernünftigem und sehr Klugem hat.

Doch der Blick ins Sachbuch-Programm belehrt eines anderen: Hans-Ulrich Grimms "Garantiert gesundheitsgefährdend - Wie uns die Zucker-Mafia krank macht" oder Hartwig Hausdorfs "Das Jahrhundert der Mysterien und Wunder" könnte sich auch im Programm des Kopp-Verlags finden, der unter dem Motto "Informationen, die Ihnen die Augen öffnen" etwa Viktor Farkas’ "Schatten der Macht" über Langzeitgeheimpläne, Daniel Estulins "Schattenmeister" über die Zusammenarbeit von Regierungen und Geheimdiensten mit Drogendealern herausbrachte und über sein Internet-Versandportal auch "Geheimgesellschaften 3" jenes Jan van Helsing anbietet, von dem zwei Bücher 1996 wegen antisemitischer Volksverhetzung auf Antrag der Staatsanwaltschaft Mannheim beschlagnahmt wurden. Das Strafverfahren wegen Volksverhetzung gegen Jan van Helsing wurde freilich am 11. Februar 1998 eingestellt.


Auf den Kopp-Verlag verfalle ich nicht nur wegen des verschwörungstheoretischen Hintergrunds, den Gerhard Wisnewski pflegt, sondern auch, weil Wisnewski im Kopp-Verlag als Autor vertreten ist, etwa mit "Lügen im Weltraum" (über angebliche Falschdarstellungen seitens der Nasa) oder "Jörg Haider - Unfall, Mord oder Attentat?". Zu welchem Schluss Wisnewski da kommt, ist angesichts dessen, dass ja auch die bemannte Mondlandung von 1969 seiner Meinung nach nicht stattgefunden hat, wohl leicht zu erraten (ich gebe einen Hinweis: Unfall war’s Wisnewskis Darstellung zufolge eher keiner...).

Neutrinostrahl und Attentat
Nun wäre dies alles kaum der Rede wert, lägen solche Bücher nur bei Verlagen vor, die sich auf Weltverschwörungen und weit rechts stehende Welterklärungsmodelle spezialisiert haben. Wenn aber solche Bücher in seriösen Verlagen erscheinen und seriöse Buchhandlungen sie stoßweise auflegen, haben Verschwörungstheorien einen Platz in der Mitte unserer Gesellschaft bekommen, der ihnen, wenn überhaupt, nur an deren Rand zusteht.

Nun ist Wisnewski, 1959 im schwäbischen Krumbach geboren, kein journalistischer Dilettant. Er hat in München Politikwissenschaft studiert und unter anderem für die "Frankfurter Nachrichten", die "Münchener Abendzeitung" und die "tz" gearbeitet. Auf der anderen Seite steht Wisnewskis Behauptung, zum Erdbeben von L’Aquila am 6. April 2009 sei es gekommen, weil das Cern wahrscheinlich Neutrinostrahlen gegen den Ort geschossen habe. Ferner behauptet Wisnewski, die "Titanic" sei nicht auf einen Eisberg gelaufen, sondern durch ein Attentat versenkt worden. Solche alternativen Interpretationen von Geschehnissen ergäben als Fiktion möglicherweise spannende Thriller. Als Behauptung von Tatsachen indessen sind sie unhaltbar.

Was nun an Wisnewskis "anderem Jahrbuch" des Jahres 2014 aus österreichischer Perspektive interessiert, ist, dass unser Land darin eine prominente Stellung einnimmt. Ja, auch bei uns, die wir’s doch eher mit Sängerknaben, Lipizzanern, dem Neujahrskonzert und dem Kaiser-Gott-hab’-ihn-selig halten wollen, auch bei uns also brodelt die Unkultur der politischen Verschwörung, und Wisnewski reißt ihr die Maske von der Fratze: "Die etablierten Parteien unseres Nachbarlandes (damit sind ÖVP und SPÖ gemeint, Anm.) haben es also schon viel besser gelernt, ein Blockparteiensystem zu errichten und sich den Staat zur Beute zu machen", schreibt Wisnewski und lässt deutlich erkennen, dass er es mit der demokratischen Mitte in Österreich eher nicht hält. Der tödliche Autounfall des BZÖ-Chefs Jörg Haider ist denn auch "dubios". "Ob es ihr nun passt oder nicht, die große Koalition von 2008 wurde auf dem Leichnam Jörg Haiders begründet", schwurbelt Wisnewski weiter und klärt über das Gutachten der zuständigen Gerichtsmedizinerin Kathrin Yen auf: "Und sollte (!) [Kursivierung und Rufzeichen von Wisnewski, Anm.] es sich bei Yens Haider-Gutachten um ein politisch erwünschtes Gefälligkeitsgutachten gehandelt haben, würde die Staatsanwaltschaft Klagenfurt wohl den berühmten ,Teufel‘ tun, Yen nun wegen Verleumdung [wegen eines "dubiosen" Gutachtens in einem anderen Fall, Anm.] zu belangen." Nichts Genaues weiß man nicht, aber ahnen und zu ahnen geben darf man viel.

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Dokument erstellt am 2014-05-06 17:02:04


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