Vom Michail-Tal-Denkmal im Wöhrmannschen Park ist es nur ein Steinwurf bis zu den vom Wetter gegerbten Holzbänken, an denen Rigas Schachspieler einander treffen. Es gab Zeiten, da wäre an einem sonnigen Samstagnachmittag wie diesem an den Holzbänken kein Platz frei gewesen. Heute sind nicht einmal ein Dutzend Männer da, keiner von ihnen unter fünfzig. Spieler wie Zuschauer beugen sich schweigend über drei Partien. Als eine zu Ende ist, gehen die Männer wortlos auseinander. Der Besitzer klappt die vier Teile, aus denen sein Brett mittlerweile besteht, sorgfältig zusammen. Vielleicht hat er kein Geld übrig für ein neues Brett. Vielleicht verbindet es ihn auch mit der Zeit, als ein Schachzauberer Riga in seinen Bann zog.

Mit ungebändigtem schwarzem Haar und feurigen Augen schaut Michail Tal in diesen Frühlingstagen von der Fassade der Lettischen Nationaloper auf die Passanten herab. Meterhoch prangt sein schmales Gesicht auf einem Transparent. Es wirbt für die Oper "Mihails un Mihails spele sahu", Michail und Michail spielen Schach.

Der Schachmagier

Gemeint sind Weltmeister Michail Botwinnik und sein Nachfolger Michail Tal. Der eine Wissenschafter und Patriarch des sowjetischen Schachs, der andere ein Bohémien, der wegen seiner waghalsigen Kombinationen mit den Romantikern des 19. Jahrhunderts verglichen wurde. Ihr Wettkampf 1960 war damals Tagesgespräch in Riga. Insbesondere die sechste Partie, in der Tal ein verblüffendes Springeropfer brachte. Mit besten Zügen hätte Botwinnik die Oberhand gewinnen können, doch er hielt dem Druck nicht stand. Der erst 23-jährige Tal gewann diese Schlüsselpartie, wurde Weltmeister und erhielt den Beinamen "Schachmagier".

Vom Rigaer Schachfieber erfuhr Kristaps Petersons als Kind angesichts der Taxifahrer am Hauptbahnhof, die sich die Zeit bis zur nächsten Fuhre mit einem Partiechen auf dem Autodach vertrieben. Schon früh beschloss er, eines Tages eine Schachoper zu schreiben und dass Tal darin vorkommen würde, erzählt der schmächtige blonde Komponist und Pianist.

Die Idee, ein Schachspiel zu vertonen, indem er jedem der 64 Felder einen bestimmten Ton zuwies, habe er vor sieben Jahren gehabt. Dass es Tals Sieg gegen Botwinnik sein könnte, wusste er gleich. Dank eines zweiten Platzes in einem Kompositionswettbewerb war ihm eine Auftragsarbeit schon seit längerem sicher. Als Riga gemeinsam mit dem schwedischen Umeå den Zuschlag als Europäische Kulturhauptstadt 2014 bekam, wurde es konkret.

Der Titel der Oper täuscht auf typische Rigaer Art. Im öffentlichen Raum ist zwar fast alles auf Lettisch geschrieben, gesprochen aber hört man mehr Russisch. Dass die beiden Michails und ihre Figuren auf Russisch singen, hat laut Petersons indessen einen ganz praktischen Grund: Die Schachoper soll ins große Nachbarland eingeladen werden.

Unter Kritikern und Freunden zeitgenössischer Oper ist die Resonanz bisher positiv, die Schachgemeinde allerdings zeigt sich weniger begeistert. Nicht so sehr, weil der Strippenzieher und Stalin-Freund Botwinnik so gut wegkommt, sondern weil sich, zumindest bei der Premiere, mehrere Fehler in die Zugabläufe der berühmten Partie eingeschlichen haben.

Die schachliche und die musikalische Sichtweise vereinen sich in Shanna Tal. Gegen den Willen ihres Vaters hat sie heimlich Schach gelernt und es als Kind eifrig gespielt, geworden aber ist sie Sängerin, Schauspielerin und inzwischen vor allem Gesangslehrerin. Sie findet es wunderbar, dass man über "Michail und Michail spielen Schach" trefflich streiten kann. Und natürlich, dass sich Riga endlich ihres Vaters erinnert.

Die Michail-Tal-Gedenkturniere finden nämlich seit 2006 in Moskau statt. Anfangs war sie sauer, dass die Russen ihre Familie nicht einmal um ihr Einverständnis gefragt haben. Inzwischen kann sie gut damit leben, ist es doch die derzeit höchstkarätige Serie von Einladungsturnieren. Außerdem war ihr Vater ab den Siebzigerjahren seltener in Riga als in Moskau. Dort lieferte er auch sein letztes Husarenstück ab. Schwer leberkrank flüchtete Tal kurz vor seinem Tod 1992 aus dem Spital zu einem Blitzschachturnier. Dort besiegte er den damaligen Weltmeister Kasparow und wurde vor weiteren Schachgrößen Erster.

Stoff für einen Abenteuerfilm

Das ungebremste, unangepasste Leben ihres Vaters biete genug Stoff für einen Film, nein, für einen Abenteuerfilm, korrigiert sich Shanna Tal. Ein Drehbuch sei fast fertig, die wichtigsten Rollen seien schon vergeben. Im kommenden Jahr könnte gedreht werden.

Neben dem Filmprojekt gibt es ein nicht minder fantastisch klingendes Bauprojekt. Ein schachvernarrter Immobilienhändler will ein Michail-Tal-Schachzentrum in der Altstadt errichten. Und zwar unterirdisch unter großen Glasfenstern, damit der Platz darüber bleibt für Schachfeste unter freiem Himmel. Freilich braucht es auch noch Geldgeber. Dank Alexei Schirow stehen die Chancen dafür vielleicht gar nicht so schlecht. Schirow ist das größte Rigaer Schachtalent seit Tal. Mit Anfang zwanzig zog er nach Spanien, das er fast zwei Jahrzehnte lang international vertrat. Doch seit zwei Jahren spielt er wieder für Lettland. Er hat schon einige Geschäftsleute dazu gebracht, sich für Schach zu engagieren.