Giacomo Meyerbeer förderte Wagner und wurde zum Ziel von dessen Hass. - © wikipedia
Giacomo Meyerbeer förderte Wagner und wurde zum Ziel von dessen Hass. - © wikipedia

Der Deutsche, der einen italienischen Vornamen hatte und in Frankreich Karriere machte, Hassobjekt Richard Wagners und seiner geistigen Erben, der Nationalsozialisten, auf gewisse Weise deren Opfer, noch mehr aber eines des Ersten Weltkriegs: Giacomo Meyerbeer komponierte tragende Säulen des Opernrepertoires - die heute nur noch als Raritäten ab und zu hervorgeholt werden. An "Robert le diable", "Les Huguenots", "Le prophète" und "L’Africaine" berauscht sich das Publikum. Von ihren Uraufführungen im 19. Jahrhundert bis ins Repertoire des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts nehmen diese Opern eine Stellung ein, die nur heutigen Film-Blockbustern vergleichbar ist. Dennoch: Am 2. Mai jährte sich der Todestag des Komponisten zum 150. Mal, übersehen von den meisten Opernhäusern, Fachzeitschriften, Feuilletons. Was ist da geschehen?

Dabei ist allein schon die Biografie dieses Mannes sehr modern, keine nationale, sondern eine echt europäische nämlich, und schon die Geburt könnte man als Omen für ein Leben nehmen, das keine regionale Verwurzelung kennt: Zur Welt kommt Jakob Liebmann Meyer Beer an jenem 5. September 1791 rein zufällig in Tasdorf, denn seine Mutter ist unterwegs von Berlin nach Frankfurt/Oder. Meyerbeers Vater ist der Zuckerproduzent und Bankier Jacob Herz Beer. Die jüdische Familie ist vermögend, an Kunst und Wissenschaft interessiert: Die Brüder des späteren Erfolgskomponisten treten als Amateurastronom (Wilhelm Beer veröffentlicht Karten von Mond und Mars und berechnet die Umlaufbahnen von Saturn-Monden) und Schriftsteller (Michael Beer schreibt das von Johann Wolfgang von Goethe geschätzte Trauerspiel "Der Pariah") hervor.

Jakob Liebmann ist ein musikalisches Wunderkind, mit neun Jahren tritt er als Pianist auf, Kompositionsunterricht nimmt er später bei Friedrich Zelter. Ab 1810 zieht er seinen Namen zu "Meyerbeer" zusammen.

Aus Jakob wird Giacomo

Er geht nach Italien, italianisiert seinen Vornamen zu Giacomo und schreibt in der Tradition der ernsten Opern Gioachino Rossinis sechs Werke, von denen drei etwas Erfolg haben: "Emma di Resburgo", "Margherita d’Anjou" und "Il crociato in Egitto".

1824 lässt er sich in Paris nieder. Gemeinsam mit dem Dramatiker Eugène Scribe führt er das Konzept der Grand opéra zur Perfektion: Spannende Handlung, Musik, virtuoser Gesang, Ballett und Bühnentechnik sollen alle Sinne ansprechen und den
Zuschauer überwältigen. Meyerbeer steigt zum führenden Komponisten des Genres auf. Als er am 2. Mai 1864 in Paris stirbt, hinterlässt er ein beträchtliches Vermögen. Testamentarisch hat er verfügt, dieses zur Unterstützung unbemittelter Künstler einzusetzen.

Gerade diese von Meyerbeer stets gelebte Überzeugung, sein Vermögen zur Unterstützung Bedürftiger zu verwenden, schadet ihm nachhaltig. Einer dieser Bedürftigen, die sich hilfesuchend an ihn wenden, ist nämlich ein junger deutscher Komponist von großem Talent und denkbar üblem Charakter: Richard Wagner. Vorerst gibt’s für Meyerbeer peinliche Huldigungen: "Nehmen Sie meinen Kopf und mein Herz als Ihr eigen, mein Meister. Ich werde ein treuer, redlicher Sklave sein, denn ich gestehe es offen daß ich Sklaven Natur in mir habe", sabbert Wagner in einem Brief, und über "Robert le diable" schreibt er: "Trotz der oft skandalös schlampigen Vorstellungen dieses Werks (...) trotz alledem ist und bleibt der ,Robert‘ das glücklichste Zugstück der Pariser Oper."

Meyerbeer finanziert Wagner

Meyerbeer ist von Wagners Können überzeugt, er finanziert ihn und propagiert seine Oper "Rienzi", einen gut gearbeiteten Mix aus Einflüssen Meyerbeers, Jacques Fromental Halévys und Felix Mendelssohn-Bartholdys (was zeigt, dass der "deutscheste Mensch", wie Wagner sich nennt, völlig abhängig von jüdischen Vorbildern ist).

Wagner indessen ist einer jener Menschen, die jene Menschen, denen sie dankbar sein müssten, zu hassen beginnen. Anders gesagt: Meyerbeers Hilfe ist der Grundstein für Wagners Antisemitismus. Wagner hasst Meyerbeer nicht, weil er Jude ist, Wagner hasst die Juden, weil Meyerbeer einer der ihren ist. Dementsprechend zielt Wagners Hetzschrift "Das Judenthum in der Musik", in der in der überarbeiteten Version sogar die physische Vernichtung der Juden angedacht wird, gegen Meyerbeer und gegen Mendelssohn-Bartholdy, von dessen musikalischen Einflüssen sich Wagner bis in den "Parsifal" nicht befreien kann.

Die Abhängigkeit des wagnerschen Musikdramas von Meyerbeers Grand opéra ist indessen eine Legende: Wagner versucht ein episch geprägtes pseudo-germanisches Kultspiel auf der Basis des antiken griechischen Dramas, während Meyerbeers Konzept auf Spannung und Schauwert setzt.

"Er schrieb Musik, wie sie vor ihm Händel, Gluck und Mozart geschrieben haben - und diese waren Deutsche, wie auch Meyerbeer ein Deutscher ist", heuchelt Wagner über den Komponisten, der für ihn später zum verhassten Zerrbild eines Künstlers, genauer: eines jüdischen Künstlers wird. Den Namen Meyerbeer nennt Wagner in seiner "Judenthum"-Schrift nicht einmal mehr. Meyerbeer wird zu "der Jude", typisiert, verächtlich gemacht und dämonisiert zugleich. Seine Aversionen gegen Meyerbeer ("Ich hasse ihn nicht, aber er ist mir grenzenlos zuwider", schreibt Wagner an seinen Schwiegervater Franz Liszt) verallgemeinert Wagner, entwickelt daraus jenen aus Hass und Angst zusammengesetzten Antisemitismus: "Dass ich die jüdische Race für den geborenen Feind der reinen Menschheit und alles Edlen in ihr halte: dass namentlich wir Deutschen an ihnen zu Grunde gehen werden, ist gewiss, und vielleicht bin ich der letzte Deutsche, der sich gegen den bereits alles beherrschenden Judaismus als künstlerischer Mensch aufrecht zu erhalten wusste", schreibt Wagner an König Ludwig II. von Bayern.