Rückschlag? "Ich brauche keinen Feminismus, weil ich meinem Freund gerne ein Sandwich zubereite". Damit stellen sich "ausgerechnet" Frauen gegen eine Bewegung, die für Frauen gearbeitet hat. - © corbis
Rückschlag? "Ich brauche keinen Feminismus, weil ich meinem Freund gerne ein Sandwich zubereite". Damit stellen sich "ausgerechnet" Frauen gegen eine Bewegung, die für Frauen gearbeitet hat. - © corbis

Vor einigen Tagen war in einer Diskussionsrunde im Fernsehen eine Domina zu Gast: Contessa Juliette, eine sehr erotische, gepflegte Frau um Anfang Sechzig, mittlerweile in den Ruhestand getreten, trug ein geschmackvolles, schwarzes Spitzen-Corsagen-Kleid, und mit präziser Wortwahl und angenehmer Stimme sprach sie über Buchhaltung, Unternehmensführung, Züchtigung und Männer, und dann sagte sie etwas sehr Interessantes: "Eine Domina kontrolliert ihre Unterworfenen, indem sie ihnen Wünsche erfüllt, die sie nicht geäußert haben."

Moment! Heißt das etwa, Dominas sind in Wahrheit gar keine Feministinnen? Viel verwirrender aber noch: Feministinnen sind keine Dominas?

Um diese Fragen versuchsweise zu beantworten, muss man weit ausholen, aber zuerst einmal engstirnig denken und Sätze hören wie: "Ich brauche keinen Feminismus, weil ich meinem Freund gerne ein Sandwich zubereite." Oder: "Ich brauche keinen Feminismus, weil ich kein schlechtes Gewissen haben will, wenn ich heirate." Oder: "Ich brauche keinen Feminismus, denn ich wurde noch nie vergewaltigt." Nicht zum ersten Mal stellen sich "ausgerechnet" Frauen mit solchen Aussagen gegen eine Bewegung, die doch für sie gearbeitet hat. "Meinung hat kein Geschlecht", mögen nun viele sagen. Aber in Hinblick auf den Feminismus muss man differenzieren.

Übers Ziel hinaus?

Zuletzt popularisierte Susan Faludi 1991 in ihrem Buch "Backlash" einen Begriff für einen scheinbaren Rückschlag auf einem steinigen Weg zur Gleichberechtigung, der ebenfalls schon Mitte des 19. Jahrhunderts, um die Jahrhundertwende und in den 1940er und 1970er-Jahren zu verzeichnen war. Zur gleichen Zeit tauchte Ende der Achtziger-Jahre der Begriff "Postfeminismus" auf, und man fragte sich zurecht: War der Feminismus denn nun schon über sein Ziel hinaus? War er natürlich nicht und wird er noch lange nicht sein, da muss man sich nicht nur an die misogynen Abgründe erinnern, in die allein in Österreich die jüngste Diskussion über die Bundeshymne blicken ließ.

Der Backlash der frühen Neunziger äußerte sich damals zum Beispiel in einer erstarkenden Antiabtreibungsbewegung, in einer neuen Welle Frauenfeindlichkeit innerhalb der Massenkultur unter dem Deckmantel der Ironisierung, Subversion und Aneignung, in einer "neuen Weiblichkeit" in der Mode, einer wieder propagierten "Mütterlichkeit", etc. Kurzum: in der scheinbaren Verkehrung feministischer Forderungen in ihr Gegenteil.

Damals schon ersichtlich: Hier liegt ein Missverständnis vor, und das hat direkt mit der Radikalität zu tun, die eine Bewegung initialisierte, ohne dass sich diese Bewegung adäquat auf langfristige Strategien umgestellt hätte.

Vergessen wird allzu gerne: Als der Feminismus am Beginn des 20. Jahrhunderts erste Vertreter fand, war die Unterdrückung der Frauen gesellschaftliche Norm. Das sollte man nicht einfach so überlesen, deswegen noch einmal: Gesellschaftliche Norm. Normal also. Wie in: akzeptiert und selbstverständlich, und zwar so ziemlich überall.

Will man solche Strukturen aufbrechen, zieht man sich klarerweise erst einmal die Samthandschuhe aus - und tritt wie ein Mann auf, um überhaupt gesehen zu werden.

Jeder Umsturz braucht einen starken Impuls. Eine Revolution braucht gewisse Radikalität, sonst verändert sich nichts. Im Laufe der Zeit aber scheint dem Feminismus ein wichtiger Faktor abhanden gekommen zu sein, und zwar die Frau - um genau zu sein: Besonders die Frau in westlichen Industrieländern. Das hat damit zu tun, dass Feminismus im Kern immer noch radikal operiert und operieren muss, dass aber die Bewegung nicht kulturspezifisch arbeitet.

Jene große Gruppe Frauen zum Beispiel, die nun vor einem Monat als "Women Against Feminism" in Online-Erscheinung trat, kann sich mit der aktuellen Femismus-Bewegung nicht identifizieren.

Gehypte Erfolgsfrauen

Wie es so oft im Zuge von Revolutionen passiert, fällt die vermeintlich davon profitierende Gruppe kurz nach dem erfolgreichen Umsturz (also der Klimax einer Revolution, der nur einen geringen Teil einer gesamten Revolutionsbewegung darstellt) in ein Vakuum, das geprägt ist von Orientierungslosigkeit. Ein gefundenes Fressen für alle, die gefestigte Strukturen anbieten können.

Die bis zum Exzess gehypte "Erfolgsfrau" des späten 20. Jahrhunderts etwa kann jetzt ihrer eigenen Tochter davon berichten, wie sie sich in Wahrheit alleine gefühlt hat und wie frustrierend der Kampf gegen das Patriarchat in Wirklichkeit ist. Sie befinden sich beide in einer privilegierten Situation, in der sie weder mit der Verstümmelung ihrer Genitalien noch mit Zwangsheirat zu rechnen haben. Vielleicht sind sie müde, vielleicht sind sie überfordert. Jedenfalls aber denken sie nicht solidarisch.

Kulturen und gesellschaftliche Verhältnisse können Frauen stärker prägen als ihr Geschlecht, vor allem, wenn sie innerhalb gewisser sozialer und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen "nichts zu befürchten" haben, und genau das zeigt der aktuelle Backlash deutlich. Gerade junge, heterosexuelle, westliche, beruflich erfolgreiche Frauen eines komfortablen Mittelstandes, die verinnerlicht haben, dass Gesellschaftskritik der jetzt auch ihnen offenen Karriere im Weg steht, haben strukturelle Diskriminierung entweder nie erfahren oder leugnen sie aktiv und propagieren alt- und neokonservative Ideale und Klischee-Rollenbilder, um wiederum Rahmenbedingungen aufrecht zu erhalten, die ihnen Komfort ermöglichen.