Warum kämpfen Besucher im Museum nicht mit den Tränen? Oder in einer Kunsthalle? Was macht den inhaltlichen, konzeptuellen und teilweise ästhetischen Unterschied aus? Oder wie nahe kommen sich die beiden unterschiedlichen Felder zeitgenössischer Fotografie tatsächlich? Das sind Fragen, die Besuchern der Ausstellung des 57. Internationalen Wettbewerbs der "World Press Photos" in den Sinn kommen können.

Wenn man im Wiener Westlicht, wo jeweils die ersten drei Gewinner aus neun Kategorien präsentiert werden, betrachtet, dann fällt es manchmal schwer, eine klare Linie zwischen dezidiert künstlerischer Fotografie und Pressefotografie zu ziehen. Das liegt zum Beispiel allein schon in der Tatsache begründet, dass die Organisation "World Press Photo" in Amsterdam, die den Wettbewerb jährlich auslobt und organisiert, eine Kategorie geschaffen hat, die inszenierte Menschenporträts erlaubt. Aber wahrscheinlich hat sich das Berufsbild eines Pressefotografen oder -fotografin genauso verändert wie konzeptionelle und inhaltliche Zugehensweisen künstlerischer Fotografen.

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Eine Vor-Ort-Ästhetik

Wie sich auch die Rezeption der Betrachter geändert hat: Denn sonst müssten sie vor den harten, schonungslosen Arbeiten von Teresa Margolles oder Alfredo Jaar ebenso mit den Tränen kämpfen wie vor Fotografien von Christopher Vanegas, dessen Foto "La Vanguardia" wie Mumien verpackte Opfer des mexikanischen Drogenkriegs zeigen, oder vor Fred Ramos’ Abbildungen von nur mehr rudimentär vorhandenen Kleidungsresten verschwundener, ermordeter Bewohner in El Salvador. Selbst wenn die Pressefotografie heutzutage mit einer ganz eigenen Ästhetik daherkommt - wie etwa im Bereich des Sports, wo viele Porträts oder Momentaufnahmen an Helmut Newton erinnern -, vermag sie beim Besucher einen ganz unmittelbaren, eindeutigen Eindruck hervorzurufen. Weil es im "Auge" des Betrachters liegt, dass der Pressefotografie noch immer zugestanden wird, wahrhaft und echt zu sein. Diese Berufsgruppe braucht kein Konzept. Pressefotografen sind vor Ort und bilden die Realität ab. Oft unter Einsatz des Lebens.

Wie die Serie "Harte Fakten" des Serben Goran Tomasevic beweist. Ein Foto zeigt den Einschlag einer Granate in einen Stützpunkt der Rebellen der "Freien Syrischen Armee" - ein Bild, das fliegende Steine, wirbelnden Staub und Schutt und Männer zeigt, die sich davor zu schützen versuchen. Da begreift man, was es bedeutet, bis auf den letzten Drücker seiner Profession nachzugehen. Wobei bei dieser Arbeit der Zufall zweifach Pate gestanden ist: Zum Ersten, dass Tomasevic den Granateneinschlag überlebt hat, und zum Zweiten, dass er wahrscheinlich ein anderes Motiv im Auge hatte und er in dem Augenblick auf den Auslöser gedrückt hat, als der Einschlag passierte.

Was geschehen kann, wenn man im Irak-Krieg in einem Humvee von einer Rakete getroffen wird und der einzige Überlebende ist, verdeutlicht die Serie von Peter van Agtmael: Er hat Bobby Henline, der seit dem Anschlag vollkommen entstellt ist, einige Zeit verfolgt und sein Leben dokumentiert. Bobby hat es geschafft, nachdem er im Spital bemerkt hat, wie sehr seine Witze bei seinen Mitpatienten angekommen sind und ihnen geholfen haben, eine Karriere als Stand-up-Comedian zu beginnen. Ein Weg, so unglaublich wie berührend im Umfeld einer Ästhetik des Grauens.

Einer ganz anderen Ästhetik unterliegt das Siegerbild des heurigen Jahres: Die Aufnahme von John Stanmeyer präsentiert afrikanische Migranten am Strand von Dschibuti, die nächtens ihre Mobiltelefone in die Luft halten, um Verbindungen mit günstigeren Tarifen des Nachbarlandes Somalia zu erheischen. Sie wollen auf ihrer Odyssee in eine bessere Welt Kontakt zu ihren Angehörigen aufnehmen, um ihnen mitzuteilen, dass sie noch am Leben sind. Denn die Reise kann, wie für viele tausende Hoffende, als Leiche vor der Küste Lampedusas enden. Eine beeindruckende Arbeit, die durch künstlerische Ästhetik, Inhalt und Konzeption (Stanmeyer kam oft an den Strand, bis alle Umstände passten) in jedem Museum und jeder Kunsthalle hängen könnte. Bleibt die Frage: Will man das als Pressefotografin oder -graf überhaupt?

Ausstellung

Word Press Photo 14

Westlicht

Bis 12. Oktober 2014