Wien. Die Grande Dame der österreichischen Zeitgeschichte, Erika Weinzierl, ist tot. Die Wienerin starb gestern, Dienstag, im Alter von 89 Jahren in ihrer Heimatstadt. Weinzierl widmete ihre wissenschaftliche Arbeit über Jahrzehnte vor allem der Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Sie war eine "weit über die akademischen Grenzen hinaus bekannte Zeithistorikerin", würdigte Oliver Rathkolb die Kollegin in einem ersten Nachruf. "Ethisches Handeln zur Durchsetzung von Menschenrechten und offene historische Auseinandersetzung ziehen sich wie ein roter Faden durch ihr Werk", schreibt Rathkolb.

Weinzierls unermüdlicher Kampf gegen die braune Gesinnung hatte bereits in ihrer Studienzeit während des Krieges begonnen. Die junge Frau schloss sich damals der Widerstandsgruppe rund um den katholischen Geistlichen Karl Strobl an. Nach dem Krieg zeichnete sich Weinzierl nicht zuletzt dadurch aus, dass sie auch vor besonders heißen Eisen nicht zurückschreckte: 1963 machte sie als erste Wissenschafterin das Verhalten der katholischen Kirche während der Nazizeit zum Thema.

Beharrlich engagiert, auch außerhalb der Universität

Ihr bekanntestes Werk ist der 1969 erschienene Band "Zu wenig Gerechte. Österreicher und die Judenverfolgung 1938-1945". Insgesamt hat Weinzierl 30 Bücher verfasst beziehungsweise mitherausgegeben und mehr als 200 Aufsätze und wissenschaftliche Beiträge geschrieben. Ihre wissenschaftliche Heimat war das Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, dem sie zwischen 1979 und 1990 vorstand und wo sie auch nach ihrer Emeritierung 1995 noch mehr als zehn Jahre lang fast täglich zum Arbeiten erschien.

Auch abseits ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit setzte sich die Pazifistin für die Menschlichkeit ein: Sie engagierte sich gegen die atomare Aufrüstung, für eine humane Asyl- und Migrationspolitik und vor allem für eine umfassende und tabulose Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Weinzierl war unter anderem die langjährige Präsidentin der "Aktion gegen den Antisemitismus" und Mitbegründerin der Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung; sie saß im Kuratorium des Bruno-Kreisky-Archivs und des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus und war Mitglied des Berliner Beirates "Topographie des Terrors".

Weinzierl war außerdem politisch aktiv: Nach dem Kriegsende engagierte sie sich in der neu geschaffenen Hochschülerschaft (ÖH) in der konservativen Freien Österreichischen Studentenschaft (FÖST). In Interviews hat sie sich selbst einmal als "Linkskatholikin" und ehemalige "Links-ÖVPlerin" bezeichnet. 1995 ist sie jedoch - nach 30 Jahren Mitgliedschaft - aus der Volkspartei ausgetreten. Anlassfall war laut Weinzierl "der erste Versuch von Wolfgang Schüssel, mit Jörg Haider und der Haider-FPÖ eine Regierungskoalition einzugehen".

Nach dem Weltkrieg auf Geschichte umgesattelt

Weinzierl, geboren am 6. Juni 1925 als Erika Fischer in Wien, hatte eigentlich eine naturwissenschaftliche Karriere angestrebt: Während des Krieges hatte sie ein Medizinstudium begonnen, 1945 wechselte sie dann allerdings zu Geschichte und Kunstgeschichte und schloss ihr Studium nach nur drei Jahren ab.

Parallel dazu absolvierte sie den Lehrgang des Instituts für Geschichtsforschung an der Universität Wien. Bereits 1961 habilitierte sich Weinzierl für Österreichische Geschichte an der Universität Wien, von 1964 bis 1992 war sie Vorstand des Instituts für kirchliche Zeitgeschichte am Internationalen Forschungszentrum Salzburg.

Zur außerordentlichen Professorin avancierte Weinzierl 1967, zwei Jahre später dann zur ordentlichen Professorin an der Universität Salzburg. 1973 begann sie ihre Funktion als Herausgeberin der Monatszeitschrift "Zeitgeschichte". Sie leitete das Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte und Gesellschaft, ab 1978 las sie am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.

Für ihr Lebenswerk wurde Weinzierl vielfach ausgezeichnet, etwa im Mai 2009 mit dem Ehrenpreis des Presseclubs Concordia. Neben dem Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst I. Klasse und dem Dr.-Hertha-Firnberg-Staatspreis für besondere Leistungen im Bereich Wissenschaft und Forschung hat die Zeithistorikerin auch internationale Auszeichnungen bekommen - so etwa die päpstliche Medaille Bene merenti (1952) und den Preio Adelaide Ristori vom Cebtro Culturale Italiano in Rom (1979).