• vom 12.01.2015, 16:48 Uhr

Kultur


Charlie Hebdo

Wir riskieren die Aufklärung




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Von Karin Kneissl

  • Folterverbot, Redefreiheit, Trennung von Politik und Religion - wir begeben uns im 21. Jahrhundert in eine Epoche ante 1800.

Eine Schulbank in einem Camp in Guantanamo Bay: Der Krieg gegen den Terror stellt die Aufklärung auf den Kopf. - © corbis

Eine Schulbank in einem Camp in Guantanamo Bay: Der Krieg gegen den Terror stellt die Aufklärung auf den Kopf. © corbis

Dass alles mit allem zusammenhängt, lehrt die Geschichte stets aufs Neue. Und die Gewalt in Paris ruft in Erinnerung, wie nahe uns der Nahe Osten ist. Ob es sich um europäische Großstädte, wie Madrid 2003, London 2005, letzte Woche Paris oder die deutsche Provinz handelt, wo Salafisten und Kurden einander verprügeln, Europa ist Nebenschauplatz der Nahostkonflikte. Kriege, die der Westen im Namen der Demokratie lostrat, wie jenen im Irak 2003, holen uns ein Jahrzehnt später ein. Das im Juni 2014 proklamierte Kalifat des Islamischen Staates IS, das die kolonialen Grenzen durchbricht, fiel nicht vom Himmel. Es ist auch nicht "das Böse", wie der Papst meint. Es ist Resultat einer Chronologie.

Frankreich zog 2003 nicht in den Irak mit. Ein Grund war die Sorge vor Unruhen. Nachrichtendienste hatten bereits 1991 anlässlich der damals vom UN-Sicherheitsrat gedeckten Operation "Desert Storm" gegen den Irak vor Anschlägen gewarnt. In London und in Washington las man 2002 in den Kabinetten von Blair und Bush lieber die Bibel anstatt der Analysen der CIA, welche vermeintliche Kriegsgründe, wie Massenvernichtungswaffen, in Zweifel zogen und mehr Terror erwarteten.


Ein französischer Militär erklärte mir, dass man die Bilder folternder französischer Soldaten aus dem Algerienkrieg noch im Kopf hatte. Man wollte dies nicht wiederholen. Die neuen Fotos von Tortur sollten diesmal aus Abu-Ghraib kommen. Wie wir heute wissen, waren es keine Ausrutscher, sondern hatten System. Offenbar lösten diese Bilder die Radikalisierung der Kouachi-Brüder aus, die das Massaker in der Redaktion des Satire-Magazins "Charlie Hebdo" seit Jahren planten. Sie hatten eine Exekutionsliste dabei. In Frankreich ist ein solcher Angriff auf Karikaturisten fast noch mehr "terreur" als ein Anschlag auf den Eiffelturm. Denn das freche Magazin ist durch und durch religionskritisch und damit Inbegriff von Meinungsfreiheit.

Der Laizismus im Visier
Die dänischen Mohammed-Karikaturen, welche die Pariser einst nachdruckten, werden in der islamischen Welt regelmäßig hochgekocht. Wer beim jeweiligen Terrorpaten vorspricht, um unliebsame Pressestimmen mundtot zu machen, kann der Finanzierung sicher sein. Die Ankündigung weiteren Terrors gegen Frankreich schlägt in diese Kerbe, denn das Land der Aufklärung ist aus Sicht von Al-Kaida der "Hort der Beleidiger des Propheten". Zur Erinnerung: Die Proteste gegen die Mohammed-Karikaturen begannen erst vier Monate nach deren Erscheinen im "Jyllands Posten". Zwischen 30. September 2005 und 31. Jänner 2006 mobilisierten dänische Imame die öffentliche Meinung in der islamischen Welt. Gewalt wurde inszeniert. All die dänischen Flaggen, die der Mob von Jakarta bis Niamey anzündete, mussten damals erst genäht werden. Auch Menschen brannten. In der Folge engagierten sich nicht nur die Dänen, die ihre gesalzene Butter wieder in arabischen Supermärkten verkaufen wollten, für interkulturellen Dialog.

Damit war für die Europäer die Welt wieder in Ordnung. Doch ganz im Gegenteil, vergessen hatte es niemand. Ich erlebte Debatten in Kairo, wo wir mit arabischen Kollegen vergeblich für die Pressefreiheit eintraten, da die religiösen Gefühle immer wieder ins Spiel kamen.

Staatsbürger statt Gläubige
Kabarettisten im Libanon, die über den Islam witzeln, bangen ebenso um ihr Leben wie jene algerischen Zeitungsmacher, die in den 1990er Jahren, von Islamisten bedroht, ihre Heimat in Richtung Frankreich verließen. Diese politischen Flüchtlinge kamen wie Regisseure aus dem Iran nach Europa auf der Suche nach einem Exil, wo jenseits religiöser und ethnischer Zugehörigkeit ein kreatives Leben möglich schien. Ihre Ideale waren jene von Montesquieu - die Trennung von Politik und Religion - und nicht die Mohammeds, einer Gesellschaft auf religiösem Recht.

Vor rund zwölf Jahren begann sich die französische Gesellschaft brisant zu konfessionalisieren. Der damalige Innenminister Sarkozy sprach konsequent von den Muslimen und den Juden Frankreichs. Hätte gerade noch gefehlt, dass er auch den Protestanten eine eigene Rubrik gab. Immerhin hatte erst vor einigen Jahrhunderten das verheerende Massaker der Bartholomäus-Nacht in Paris gewütet. Viele Juden und Muslime empören sich zu Recht. Ihre Forderung ist, einfach Citoyens, also Bürger zu sein.

Die Errungenschaft der Aufklärung ist die Überwindung religiöser Zugehörigkeit. Staatsbürgerlich denken und handeln ermöglicht eine Gemeinschaft auf Basis von Liberté und Egalité. Wir erleben den allmählichen Rückfall in fast tribale Zugehörigkeit. Dies erfasste in den 1990er Jahren Jugoslawien, heute den Nahen Osten und die religiös gemischten Gesellschaften Europas. Umso bemerkenswerter sind die republikanischen Aufmärsche. Das gibt Hoffnung, dass das Erbe der Aufklärung noch nicht verspielt ist.

Wesentlich für die Moderne war auch die Abschaffung der Folter, des peinlichen Verhörs. Der Krieg gegen den Terror stellt dies auf den Kopf. Die Anwendung von Folter finden auch immer mehr Jus-Studenten "nützlich", auch mitten in Europa, wie Umfragen zeigen. Und in den USA sind es mehr als 50 Prozent der Bevölkerung. Auch hier geht der Zug rasant in die falsche Richtung, wie zudem der Export von Gewalt dramatisch anhält. Die Drohnenmassaker von Afghanistan bis in den Jemen erobern sicher nicht die "Herzen und Köpfe".

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Dokument erstellt am 2015-01-12 16:53:05


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