Der Prophet habe oft und viel gelacht, betonen Islamwissenschafter, gläubige Muslime und Vertreter islamischer Einrichtungen immer wieder. Das war schon 2005 so, als im Streit über die Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" erstmals der Vorwurf vom "humorlosen Islam" im Raum stand; und auch jetzt, nach dem Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo", versuchen viele Muslime, dieses weitverbreitete Vorurteil richtigzustellen. Auch wenn es bei dem Anschlag in Paris wohl nur vordergründig um Satire ging, kocht die Debatte über Abbildungsverbot, Rücksichtnahme auf religiöse Befindlichkeiten, Grenzen des Spotts und künstlerischer Freiheit nun erneut hoch. Klar ist: Auch in der islamischen Welt gibt es Satire, die über bloßen Alltagshumor hinausgeht und religiöse Kritik übt. Sie hat aber Grenzen.

Ein muslimischer Regent hatte einen Hofmullah, den er überallhin mitnahm. Eines Tages ging der Regent auf die Jagd. Er schoss auf einen Vogel, verfehlte aber sein Ziel. Der Mullah aber rief: "Gott ist glorreich! Ein Wunder ist geschehen, ein toter Vogel kann fliegen!" Witze wie dieser, die der 2011 verstorbene Schriftsteller Hadayatullah Hübsch in dem Buch "Der muslimische Witz" zusammengetragen hat, haben in islamischen Gesellschaften seit Jahrhunderten ihren festen Platz.

Eine Frage des Respekts

"Man erzählt sich gerne Witze, nimmt die meist schwierige politische und sozioökonomische Lage humorvoll auf die Schippe und versucht, mit Ironie auf die prekären Verhältnisse hinzuweisen", schrieb der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide vergangenen Montag in der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit". Wie Khorchide bemühen sich dieser Tage viele Muslime, das festgefahrene Bild vom humorlosen Islam zurechtzurücken. Der Prophet Mohammed sei oft geschmäht worden, habe selbst aber gelassen reagiert und würde auch heute, so mutmaßt Khorchide, Karikaturen von ihm einfach ignorieren und gewissermaßen "über den Dingen stehen". Gleichzeitig räumt der Islamwissenschafter aber ein, dass es keine Witze über Gott und den Propheten im Islam gebe. Das sei eben eine Frage des Respekts, so Khorchide.

In islamischen Gesellschaften dreht sich der Humor stattdessen stark um die eigene Glaubensstandhaftigkeit, prüft und demaskiert fehlende oder übertriebene Frömmigkeit der Adressaten auf ironische Weise. Ein Korrektiv zur Wahrung des rechten Glaubens, das weltliche Auswüchse und religiösen Fanatismus gleichfalls auf die Schippe nimmt und vor allem als Ventil für gesellschaftliche Alltagsprobleme dient. Als Beweis für die humoristische Tradition der muslimischen Welt gilt vielen Nasreddin Hodscha. Die historische Existenz des Mannes, der im 14. Jahrhundert in Anatolien gelebt haben soll, ist umstritten. Witze und Anekdoten über Hodscha zählen aber bis heute zu den am weitesten verbreiteten Geschichten in islamischen Ländern und sind in etwa mit denen des Till Eulenspiegel vergleichbar. Aber auch in der politisch hochbrisanten Gegenwart wird in muslimischen Ländern auf zuweilen bissige Satire nicht verzichtet. So machen sich beispielsweise TV-Sender im Libanon und Irak schonungslos über IS-Kämpfer lustig. Auch viele Cartoonisten in der Region zielen mit ihren Zeichnungen auf radikale Islamisten ab und begeben sich damit mitunter in Lebensgefahr. Gott oder den Propheten zu karikieren, ist aber selbst für die meisten liberalen Muslime kein Thema.