• vom 28.01.2015, 21:45 Uhr

Kultur

Update: 28.01.2015, 22:05 Uhr

Gesellschaftsporträt

Die Tücken der Modernisierung




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Der Essayist und frühere Politiker Andrei Pl eu bedauert, dass die rumänische Bevölkerung nur wenig Interesse an der Entkommunisierung hat.

Der Essayist und frühere Politiker Andrei Pl eu bedauert, dass die rumänische Bevölkerung nur wenig Interesse an der Entkommunisierung hat.© Bogdan Tutuneanu Der Essayist und frühere Politiker Andrei Pl eu bedauert, dass die rumänische Bevölkerung nur wenig Interesse an der Entkommunisierung hat.© Bogdan Tutuneanu

Trotz einiger Bemühungen seitens der neuen antikommunistischen Elite blieb das öffentliche Interesse an einer solchen Operation eher gering. "Und das nicht nur in Rumänien, sondern auch in Westeuropa", bedauert der Essayist Andrei Pleşu, der Ende der neunziger Jahre Außenminister war. "In puncto Kommunismus bleibt das europäische Gedächtnis 25 Jahre nach der Wende noch immer gespalten. In Berlin stört es niemanden, dass Souvenirs mit Hammer und Sichel ständig verkauft werden. Wie wäre es denn mit Hakenkreuz-Mützen?" Diese Sicht der Dinge teilt auch der Starautor Horia-Roman Patapievici. Für ihn ist die mangelnde Vergangenheitsbewältigung einer der Hauptgründe dafür, dass sich Rumänien nur mühsam modernisiert: "Auch wenn die heutigen rumänischen Sozialdemokraten weit von der Ideologie ihrer kommunistischen Vorfahrer entfernt sind, haben sie das Netzwerk der alten KP geerbt. Die andere Partei, die die letzten Präsidentschaftswahlen gewonnen hat, wollte immer diese alten, korrupten Strukturen zerstören. Sie vertritt und verteidigt klassische liberale Prinzipien wie den Rechtsstaat und den Kapitalismus."

Verurteilung des Kommunismus
Der Diskurs führender antikommunistischer Intellektueller wie Liiceanu, Pleşu oder Patapievici gilt seit den neunziger Jahren als eher rechtsorientierter Konsens der rumänischen Eliten. Er begründete etwa die offizielle Verurteilung des Kommunismus durch das rumänische Parlament, die Rückgabe des verstaatlichen Eigentums an die nach dem Krieg enteigneten Besitzer, die zahlreichen Privatisierungen, den Nato- und EU-Beitritt, die Bekämpfung der Korruption, die angeblich überwiegend in sozialdemokratischen Kreisen grassiert, aber auch die Beteiligung der rumänischen Streitkräfte zusammen mit den USA an dem Krieg im Irak oder die drastischen Sparmaßnamen, die die damalige wirtschaftsliberale Regierung 2010 durchsetzte. Und er trug auch zuletzt wesentlich zum Wahlsieg des ebenfalls wirtschaftsliberalen Klaus Johannis bei.

Spätestens seit der Wirtschaftskrise werden jedoch auch die kritischen Stimmen aus dem linken intellektuellen Spektrum immer lauter. Der Philosophieprofessor Adrian-Paul Iliescu bestreitet etwa, dass die schwierige Transformation Rumäniens hauptsächlich mit den Lasten des Staatssozialismus zu tun hat. Vielmehr seien der Elitismus der Modernisierer selbst und ihre mangelhafte demokratische Gesinnung daran schuld. "Nach dem EU-Beitritt muss sich Rumänien vor allem entwickeln, seine Demokratie vertiefen und das fast feudale Gefälle zwischen Stadt und Land, Arm und Reich überwinden. Doch das kann nur passieren, wenn diese Ziele so formuliert werden, dass sie nicht mehr nur von einer kleinen Elite getragen werden können."

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Dokument erstellt am 2015-01-28 16:47:04
Letzte Änderung am 2015-01-28 22:05:27


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