Traut sich E.T. noch nicht raus? Bis jetzt ist die Suche nach Außerirdischen erfolglos. - © Imago/Unimedia Images
Traut sich E.T. noch nicht raus? Bis jetzt ist die Suche nach Außerirdischen erfolglos. - © Imago/Unimedia Images

"Wiener Zeitung": Sie haben nicht zufällig heute Nacht das erste Signal aus den Tiefen des Alls empfangen, das von einer außerirdischen Zivilisation stammt?

Seth Shostak: Leider nicht. Wenn es so wäre, dann wüssten Sie es bereits. Viele Amerikaner denken, die Öffentlichkeit würde nie von einem solchen Signal erfahren. Amerikaner lieben eben Verschwörungstheorien. Die denken, die Regierung würde einen Kontakt verheimlichen.

Das scheint schwer. Ihr Institut in Mountain View ist ein ziemlich profanes Bürogebäude, kein Militär, man kann einfach reingehen.

Wäre schön, wir hätten ein wenig Militär hier, dann würden wir besser finanziert und wären nicht nur auf Spenden angewiesen. Das letzte Mal, dass wir ein Signal für einen potenziellen Treffer gehalten hatten, war 1997. Am Ende kam es vom Weltraumobservatorium Soho. Heute würden unsere Computer den Fehler sofort erkennen. Mich hat damals übrigens ziemlich schnell ein Reporter der "New York Times" angerufen. Das Militär hat sich überhaupt nicht dafür interessiert.

Als Seti-Gründer Frank Drake 1960 erstmals zwei benachbarte Sternensysteme nach Signalen Außerirdischer abhörte, waren die beteiligten Wissenschaftler überzeugt, das All sei voll davon. Warum haben Sie bisher absolut nichts gefunden?

Es gibt ein paar hundert Milliarden Sterne allein in unserer Galaxie und wiederum ungefähr 100 Milliarden Galaxien im Universum. Bisher haben wir vielleicht ein oder zweitausend Sternensysteme in der ganzen Bandbreite der interessanten Frequenzen abgehört. Eine Kollegin sagte mal treffend: Wenn das Universum die Weltmeere wäre, hätten wir bisher ein Glas Wasser davon abgesucht. Aber unsere Ausrüstung wird immer besser und schneller. In jedem neuen Jahr sammeln wir so viele Daten wie in all den Jahren zuvor zusammen.

Was treibt Sie denn an, immer zu suchen und nie zu finden?

Menschen sind genetisch so verdrahtet, dass sie Interesse an anderen Wesen haben. Jeder will wissen, welcher Stamm auf der anderen Seite des Hügels lebt. Wenn Sie in eine Schulklasse gehen und fragen, wer an Aliens glaubt, dann gehen fast alle Hände nach oben. Die Kinder sehen Aliens eben in Filmen und im TV.

Hat die Popkultur auch Ihre Träume geformt?

Klar, als Kind hab ich mir im Kino alle Filme mit Aliens reingezogen. Mit elf hab ich sogar meinen ersten Film gedreht - es ging um Aliens. Schon die Griechen haben über Kreaturen auf anderen Welten spekuliert, vor 150 Jahren dachten Wissenschaftler noch, auf dem Mond oder auf dem Mars würde es intelligentes Leben geben. Der berühmte Mathematiker Carl Friedrich Gauß glaubte an Marsianer und wollte gewaltige geometrische Formen in Wiesen mähen, um mit ihnen zu kommunizieren. Heute, nach 200.000 Jahren Homo Sapiens, haben wir zum ersten Mal ernsthaft Experimente, mit denen wir nach Aliens suchen können. Das macht schlicht Spaß.

Das klingt alles, als seien Sie auch Teil einer Alien-Popkultur?

Klar, das bin ich auch. Mich rufen alle paar Wochen Autoren und Regisseure an und senden mir Drehbücher, um sie wissenschaftlich zu checken. Bei "Der Tag, an dem die Erde stillstand" war ich Berater und natürlich bei "Contact", kürzlich bei "Battleship", auch wenn der schlecht war. Jetzt haben sie mich wegen eines Remakes von "Species" angerufen.

Wenn Sie vor Wissenschaftlern Vorträge halten und fragen, wer an intelligentes, außerirdisches Leben glaubt: Wie viele melden sich?

Mehr als 90 Prozent. Allerdings sucht fast niemand danach. Das ist ein kulturelles Ding. Europäische Wissenschaftler sind dafür zu nüchtern, nur in Bologna gibt es ein Seti-Experiment. Die Suche ist eben riskant. Wahrscheinlich gehen Sie leer aus, aber wenn Sie ein Signal finden, dann gehört das zu den ganz großen Entdeckungen der Geschichte. Wir waren in den USA schon immer die Cowboys, die rausgehen und schauen, was los ist.

Ist die Hoffnung auf Kontakt mit Außerirdischen eine Art von modernem Glauben des wissenschaftlich denkenden Menschen?

Da ist sicher etwas Wahres dran. Schon als Kind lernen wir, dass es diese mächtigen, übernatürlichen Wesen gibt, die sich um dich kümmern. Die nennen sich Eltern. Dann stellt man fest, dass das auch nur Menschen sind, aber die Hoffnung auf etwas Größeres bleibt. In diesem Sinne hat die Suche nach Außerirdischen etwas Religiöses.

Und wie viel Wissenschaft ist dabei?

Nun, es gibt keine Daten. Keinerlei Beweise, dass da draußen etwas ist. Wir haben noch nicht mal Mikroben im All entdeckt. Aber wenn Sie die wissenschaftliche Gemeinschaft fragen, ob es außerirdische Mikroben gibt, würden wahrscheinlich 98 Prozent ja sagen.

Ist das nun Hoffnung, Glaube oder Wissenschaft?

Das ist wissenschaftlich begründbar. Seit zwei Jahrzehnten haben Wissenschaftler Instrumente, mit denen sie untersuchen können, ob die Sterne in unserer Nachbarschaft auch, wie die Sonne, Planeten besitzen. Fast überall finden sie welche. Theoretisch müssten einige hundert Millionen Planeten allein in unserer Galaxie Leben beherbergen können. Sollte die Erde also wirklich einzigartig sein, dann ist sie so speziell, dass sie eigentlich ein Wunder ist. Wissenschaftlern allerdings widerstrebt der Glaube an Wunder.