Nach ihren Auftritten in Österreich 2011 in der Kremser Kunsthalle und zuletzt im Winter 2013 in der Wiener Secession, beides in Zusammenarbeit mit der Künstlergruppe Gelatin, arbeitet Sarah Lucas derzeit mit Nachdruck am englischen Beitrag für die Biennale in Venedig 2015. Es ist mit ihrem Bekanntheitsgrad kaum ein Durchatmen möglich nach intensiven Ausstellungsaktivitäten 2013/14 in Glasgow, der Whitechapel Gallery in London und dem Diego Rivera Museum in Mexico City, sowie der Teilnahme am renommierten Aldeburgh Festival of Music and the Arts im Ort Snape im englischen Suffolk.

Snape liegt nahe einem Wohnort der Künstlerin am Meer, wo wir sie und ihre Freunde trafen. Der ehemalige napoleonische Verteidigungsturm auf einer Klippe ist ein Ort der Erinnerung an Kindheitsträume vom idealen Wohnen. Neben zwei bunt bemalten Küstenhäusern steht jene ovale Archiskulptur mit kleinen Fensteröffnungen, wohl ehemaligen Schießscharten, die ins Innere in Trichterform mehr Licht eindringen lassen, als man von außen annimmt.

Eingebettet in East Anglia

Man betritt den Bau über eine Holztreppe. Ein Geflecht von Wendeltreppen und komplizierten Durchlüftungskanälen verbindet den Wohnraum mit dem Dach. Der Blick von dort oben auf die Küste mit der nahen Einmündung eines Flusses neben den alten Vorrichtungen für Kanonen ist nicht nur durch den Wind atemberaubend. Zum Meer hin sichern riesige Felsblöcke die Küste vor Sturmfluten. Unweit, in Dunwich, haben sie schon einen halben Ort zerstört. Die Blöcke wurden von der englischen Küstenverwaltung aus Norwegen importiert, um die weitere Erosion aufzuhalten. Ein großer Betonblock aus dem Zweiten Weltkrieg indessen ragt in einer nahen Bucht nur noch als bedrohliche Nase aus den Wellen.

Sarah Lucas nützt den Turm als Urlaubsort. Ihr Arbeitsatelier ist eine Stunde entfernt in einem von mehreren Komponierhäusern Benjamin Brittens untergebracht. Der 1976 verstorbene Komponist, der den Großteil seines Lebens in Aldeburgh ansässig war, ist in Suffolk allgegenwärtig auf Postkarten und wird mit Veranstaltungen geehrt. Auch in Snape wird seiner Musik gedacht, und Julian Simmons hat in seiner elektronischen Soundkomposition "Numberstream 100" zu Lucas’ Werk "Eros und Priapus", entstanden 2013, dem Jahr von Brittens 100. Geburtstag, Elemente von dessen Werken neu aufbereitet. Auch die Brandung des Meeres ist integriert.

Im Juni 2013 lagerte zu jenem Mix aus Lärm, Musik und Alltagsgeräuschen im ruinösen "Derelict Building Nr. 1" der großen Mühle von Snape - ähnlich wie später dann in der Wiener Secession - ein Doppelphallus auf einer kaputten landwirtschaftlichen Maschine. Seit fünf Jahren arbeiten Lucas und Simmons zusammen, seit zehn Jahren ist ihr Atelier in Brittens abgelegenem Chapel House - und wie Britten seinen Lebensgefährten, den Tenor Peter Pears, als seine Muse bezeichnet hat, so bezeichnet Sarah Lucas Simmons als die ihre. Neben Kompositionen schafft er eigene Kunstwerke - vor allem Fotografien - und Künstlerbücher von hoher Qualität, zuletzt "Tittipussidad" über beider Aufenthalt in Mexiko. Darin vereint die Lucas ihr Werk mit der ihr so wichtigen weltweiten Familie befreundeter Künstlerinnen und Künstler.

Im Wohnturm ist eine Verbindung zu Österreich deutlich sichtbar: Neben einer der bekannten Liegen von Sarah Lucas’ langjährigem Freund Franz West wacht ein Pferdekostüm der Gelatin aus der Kremser Ausstellung im unteren Stockwerk vor den Nass- und Schlafräumen. Zu Künstlerfreunden kommen Kuratoren, Galeristen und Wissenschafter.

Im nächsten Jahr planen Lucas und Simmons eine Publikation mit einem Archäologen. Antike und mittelalterliche Mythen werden von Lucas in aktuelle postfeministische und postkoloniale Konzepte einbezogen. Ganz der antiken Herangehensweise entsprechend, wird die sexuelle Komponente für die künstlerische Inspiration gefeiert und der Realismus des Alltäglichen voll Ironie integriert. Zum vergrößerten
Abguss von Phallus und Kürbis setzt sich Sarah Lucas mit umgangssprachlichen Wortspielen, aber auch Palindrom und Anagramm über das kapitalistische Konkurrenzmaß des Größten und Besten wie über die verzopften bürgerlichen Ansprüche an die Kunst hinweg.

Beziehungen zur Antike

Der kritische Geist bestimmt auch ihre Arbeiten im öffentlichen Raum wie "Perceval" aus bemaltem Bronzeguss, der 2006 in einer fünffachen Auflage entstand und 2011 zum Festival in Snape auf einer Wiese hinter der Mühle aufgestellt wurde: Ein Pferd mit Scheuklappen und abwesendem Gralssucher zieht angestrengt einen altpersisch aussehenden königlichen Streitwagen mit goldenen Noppenverzierungen. Zwei überdimensionierte Kürbisse machen jedoch ein bäuerliches Gefährt daraus. Diese Ambivalenz ist auch mit der breiten Pferderasse für Feldarbeit unterstrichen. Zudem wirkt die ganze Gruppe wie von einem großen Ringelspiel isoliert.

Parsifals Torheit ist in bösen Vergleichen heutiger Politiker mit hohlen Kürbisköpfen aktuell - da erinnert man sich an die vermutlich von Seneca stammende "Verkürbissung" des Kaisers Claudius, deren Titel (von Cassius Dio) die "Apotheosis" satirisch zur "Apokolokyntosis" wandelt. Wir finden uns auch als Suchende vor einem als Antikriegsdenkmal ohne Helden interpretierbaren Werk. Der Held ist abgereist aus dem Ursprungsland der Gralslegenden, und mit persönlichen Kreuzzügen kommt sogar ein unangenehmes tagespolitisches Thema zum Vorschein: Nicht nur England kämpft mit Jugendlichen, die sich dem Terrorismus anschließen, es ist eine gefährliche Komponente des Ausstiegs aus der Gesellschaft, die global betroffen macht.