• vom 08.05.2015, 17:35 Uhr

Kultur


Biennale

Das Klingeln der Kunst




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Von Christof Habres

  • Die 56. Kunstbiennale in Venedig: ein Rundgang durch Länderpavillons in der Lagunenstadt.

Herr Emmanolis in seinem Geschäft, das die griechische Künstlerin Maria Papadimitriou nach Venedig transferiert hat.

Herr Emmanolis in seinem Geschäft, das die griechische Künstlerin Maria Papadimitriou nach Venedig transferiert hat.© Biennale Venice 2015 Herr Emmanolis in seinem Geschäft, das die griechische Künstlerin Maria Papadimitriou nach Venedig transferiert hat.© Biennale Venice 2015

Das Glockengeläute der Ziegenherde war weithin zu vernehmen. Wenn man am Eröffnungstag der Biennale rechtzeitig über die Brücke in den hinteren Teil der "Giardini" spazierte, kam einem die Geräuschkulisse der Herde in Wellen entgegen. Im Garten angekommen, konnte man vermuten, eine Soundinstallation eines Länderpavillons zu hören. Denn die Ziegenherde war in realiter nicht zu sehen. Jedoch das Klingen war live und kam in Gruppen aus dem griechischen Pavillon. Dort hatte die Künstlerin Maria Papadimitriou ihre Präsentation "Why Look at Animals? Agrimiká." eingerichtet und ein Teil des Konzepts waren metallene, handgefertigte Glöckchen für Ziegen, die Besuchern der Installation als Geschenk mitgegeben wurden. Mit der Auflage, sie sich umzuhängen und während des Aufenthalts im Ausstellungsgelände zu tragen.

Kaum hatte sich die Nachricht dieses netten, originellen Kunstgeschenks herumgesprochen, machten sich die Kunstherden in Richtung Griechenland auf. Innerhalb kurzer Zeit waren die Glocken weg. Wobei sich die meisten "Besucher" nicht für das inhaltliche Konzept Papadimitrious interessierten. Dabei hätte der Masse schon der Titel "Why Look at Animals" auffallen sollen. Aber was soll’s. So wurden sie schnell selbst zu "Art Animals", zu einer dahintrabenden, klingenden (Ziegen-)Herde.


Niedergang in Griechenland
Das Präsentationskonzept der Künstlerin ist einfach wie intelligent: Sie hat den Laden eines hochbetagten Leder- und Tierhautverkäufers aus Volos eins zu eins in den Pavillon verpflanzt. Neben den Fellen und Lederteilen hat Emmanolis Ausschnitte von Zeitungen und Magazinen der vergangenen Jahrzehnte in den Wänden befestigt. Eine mediale Chronologie, die den politischen, finanziellen und sozialen Niedergang Griechenlands widerspiegelt. Und hier kommt der Name des Ladens ins Spiel: "Agrimiká". Ein Wort, das für unzähmbare, nicht domestizierbare Tiere steht, wie Wölfe oder Bären. Ein Begriff, den Papadimitriou auf die momentane Situation Griechenlands anwenden möchte - das Land steckt in der Krise, aber es wird sich selbst durch die strengsten Auflagen nicht zähmen lassen. Eine reduzierte, aber bemerkenswerte Präsentation.

Und eine Präsentation, die sich ausgezeichnet in das von Chefkurator Okwui Enwezor ausgerufene Grundkonzept der Biennale "All the World’s Futures" einfügt. Mit dem Titel versucht Enwezor, das Politische in der Kunst wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Er selbst hat die beiden Gruppenausstellungen im zentralen Pavillon und im "Arsenale" kuratiert. Und er scheitert an seinen Ansprüchen. Bei beiden Präsentationen will der Direktor des Haus der Kunst in München und international vielbeschäftigte Kurator einfach zu viel und wird beliebig. Die Räume sind mit Arbeiten einer Hundertschaft von Künstlerinnen und Künstlern vollgestopft, die Erläuterungen zu den meisten Installationen spärlich bis nicht vorhanden und bei so mancher künstlerischen Position ist fragwürdig, weswegen sie in dem Kontext gezeigt wird - etwa ein Raum mit Malerei von Georg Baselitz.

Man fühlt sich beengt, was bei den riesigen Hallen des "Arsenale" eine Kunst ist. Der Platz fehlt, sich auf spannende Arbeiten einzulassen. Denn selbstverständlich gibt es die: Im italienischen Pavillon sind es Positionen von Marlene Dumas (mit ihrer Totenkopfserie), Kerry James Marshalls Leinwände, Isa Genzkens Architekturmodelle, Isaac Juliens Videoinstallation oder Walker Evans beeindruckende Fotoserie " Let Us Now Praise Famous Men". Im "Arsenale" können Arbeiten von Oscar-Preisträger Steve McQueen (mit dem ergreifenden Video "Ashes") und Chantal Akermans Videoinstallation "Now" überzeugen.

Selbst wenn Enwezor betont, dass die Kakofonie des Ausgestellten Absicht ist, weil er eine umfassende Bandbreite zeitgenössischen Schaffens zeigen möchte, erweist er vielen Künstlern keinen guten Dienst, weil einige Positionen einfach untergehen. Gerade wenn politisch relevante Aussagen in zahlreichen Arbeiten, etwa von afrikanischen Künstlern, formuliert werden, hätte Enwezor viel mehr Wert auf die Präsentation, Vermittlung und Vertiefung legen müssen. Daher passiert es, dass sich Besucher uninteressiert an vielen Kunstwerken vorbeizwängen.

Oper in Haiti
Dass politische und soziale Aussagen in der aktuellen Kunst wieder einen hohen Stellenwert bekommen haben, lässt sich auch an außergewöhnlichen Präsentationen einzelner Länder ablesen. Wie im Pavillon Polens, wo das Künstlerduo C.T. Jasper und Joanna Malinowska ihre monumentale Videoarbeit "Halka/Haiti" präsentieren: Ein polnisches Sängerensemble bringt einmalig die Oper "Halka" des Komponisten Stanislaw Moniuszko auf der staubigen Hauptstraße des kleinen Dorfs Cazale in Haiti zur Aufführung. In dem Video ist es interessant und fesselnd zu beobachten, wie hunderte einheimische Zuseher auf das Aufeinandertreffen mit einer unbekannten, ungewohnten Kulturtradition reagieren.

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Dokument erstellt am 2015-05-08 17:38:05


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