• vom 08.06.2015, 16:46 Uhr

Kultur

Update: 08.06.2015, 17:03 Uhr

Miami Beach

Verlottert war gestern




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Von Christof Habres

  • Miami Beach, die berühmte wie berüchtigte Tourismusmetropole, feiert heuer ihren 100. Gründungstag.

Art Déco ist der vorherrschende Baustil am berühmten Ocean Drive in Miami Beach.

Art Déco ist der vorherrschende Baustil am berühmten Ocean Drive in Miami Beach.© Corbis Art Déco ist der vorherrschende Baustil am berühmten Ocean Drive in Miami Beach.© Corbis

Miami Beach. Mehr Schulterpolster ging nicht. Wenn die Cops Sonny Crockett und Ricardo Tubbs in den 1980er Jahren am Tatort aus dem schwarzen Ferrari stiegen, konnte der TV-Konsument mit jeder Folge die neuesten Auswüchse italienischer Designer-Mode bewundern. Denn neben den aufzulösenden Kriminalfällen zeichnete die Serie "Miami Vice" ihre ultracoole Ästhetik aus: Beide Hauptdarsteller präsentierten fast in jeder Folge die letzten Kreationen italienischer Modehäuser oder internationaler Brillenhersteller wie Armani, Versace oder Ray Ban. Weite Leinenhosen, T-Shirts, selbstverständlich Sonnenbrillen und weite Sakkos stellten die Uniformen der Bullen dar - und die Sakkos betonten die wohlgeformten Schauspielerkörper noch mit immensen Schulterpolstern.

Die Produzenten der Serie überließen, was Ästhetik, Settings, Farbgebung und Filmschnitt betraf, nichts dem Zufall. Daher verwundert es im Nachhinein nicht, dass die meisten Szenen der Serie, obwohl die Verbrechen im gesamten Großraum von Miami-Dade verübt wurden, in Miami Beach und hier im Distrikt South Beach gedreht wurden. In dieser Nachbarschaft befindet sich der bekannte Ocean Drive: Eine Flanier- und Ausgehmeile, an der die meisten Art-Déco-Gebäude Miami Beachs aneinandergereiht sind. Und die Farben der pastelligen Sakkos, der T-Shirts und der Lederslipper wurden mit dem Farbspektrum der Neonlichter und blinkenden Reklameschilder des Ocean Drives abgestimmt. Die Serie entpuppte sich als aufschlussreiches Projekt: Denn von den zwei Seiten, die das TV-Format von Miami Beach aufzeigte, traf damals nur mehr eine zu: jene einer unglaublich brutalen und blutigen Gangster- und Drogenszene.


Art Déco mit Patina
Denn die Zeiten hipper Partys und exzentrischer Feste von Millionären waren seit langem definitiv vorüber und "Miami Vice" wirkte wie der Schwanengesang auf eine ehemals mondäne Tourismusmetropole. South Beach mit seinen Hotels und der Art-Déco-Distrikt, eines der größten zusammenhängenden Gebiete in diesem Baustil, mit seinen architektonischen Juwelen aus den 1930er und 1940er Jahren, hatten ihr Flair verloren und viel Patina angesetzt. Die Stadt wirkte ausgestorben und dem Verfall freigegeben.

Wie konnte es dazu kommen, dass dieses "Weltkulturerbe" derart verlottern konnte? Und nicht nur diese Nachbarschaft, sondern eine ganze Stadt wie Miami Beach am Boden lag? Rückblickend lässt sich anhand der Geschichte feststellen, dass die auf einer langgestreckten Insel gelegene Vorstadt von Miami auf eine abwechslungsreiche und aufregende 100-jährige Geschichte zurückblicken kann. Und schon öfter am Rand des Abgrunds - oder Abbruchs - gestanden ist.

Im frühen 20. Jahrhundert hatten Geschäftsmänner das Potenzial der Insel als Tourismusziel entdeckt: Die Unternehmerfamilie Collins, zwei verbrüderte Bankiers mit Namen Lummus und der aus Indianapolis stammende Entrepreneur Carl Fisher begannen, massiv in die Infrastruktur und den Hotelbau in Miami Beach zu investieren. Im März des Jahres 1915 wurde die Stadt Miami Beach gegründet und im Jahr 1917 offiziell als "City" ins amtliche Register Floridas eingetragen. In den folgenden Jahren entstanden berühmte Hotels wie "The Flamingo", "The Fleetwood Hotel" oder das "Roney Plaza Hotel". Doch schon im September 1926 stand das Stadtprojekt vor dem Aus. Ein verheerender tropischer Wirbelsturm bereitete der stetig wachsenden Stadt ein abruptes Ende. Der sogenannte "Miami-Hurricane" ist bis dato - Zahlen, der Rekordliebe der amerikanischen Gesellschaft geschuldet - noch immer die Unwetterkatastrophe, die den größten finanziellen Schaden verursacht hat. Er liegt mit mehr als 164 Milliarden US-Dollar noch einiges vor "Hurricane Katrina" mit 113 Milliarden US-Dollar. Aber der Wiederaufbau funktionierte und schon Anfang der 1930er Jahre war Miami Beach wieder ein beliebtes Ziel für Touristen aus dem Norden der Vereinigten Staaten. Was wahrscheinlich auch damit zusammenhängt, dass hier das "noble Experiment" nicht so strikt ausgelegt wurde wie etwa in New York. Die Gesetze der Prohibition - eben als das "Noble Experiment" bezeichnet - wurden in Miami Beach viel lascher gehandhabt und Alkohol war relativ einfach zu bekommen, ohne dass man fürchten musste, sofort verhaftet zu werden. Eine liberalere Gesetzgebung, die sich bis heute in einigen Details in Miami Beach fortsetzt: So ist hier an den Stränden Oben-ohne-Baden an sich erlaubt, man sieht es auch ab und zu, aber großteils hält "frau" sich an die Vorschriften der Reststaaten der USA.

Miami Beach spricht Spanisch
Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Stadt beständig: einerseits durch den Zuzug aus dem Norden und andererseits seit den 1950er Jahren durch die Flucht zahlreicher Kubaner vor der kommunistischen Diktatur. Die Fluchtbewegung und ein stetiges Anwachsen von Einwanderern aus Mittel- und Südamerika brachten es mit sich, dass Spanisch in Miami und Miami Beach zur meistgesprochenen Sprache geworden ist. Die einstige Minderheit ist zur Mehrheit geworden und wird nun selbstverständlich von Politikern aller Couleurs umworben. Selbst der für die Präsidentschaftswahl kandidierende, ehemalige Gouverneur von Florida Jeb Bush (vom urtexanischen Bush-Clan) verstieg sich vor kurzem dazu, zu behaupten, dass er auch "Latino" sei.

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Miami Beach, USA

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Dokument erstellt am 2015-06-08 16:14:05
Letzte Änderung am 2015-06-08 17:03:09



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