• vom 17.07.2015, 17:45 Uhr

Kultur

Update: 17.07.2015, 17:45 Uhr

Politische Sprache

"Ein echter Linker redet anders"




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (25)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Walter Hämmerle

  • Die Linguistin und Ideologieforscherin Elisabeth Wehling übt Kritik an der Rhetorik von Tsipras und Co.

Alexis Tsipras: "ein radikaler Progressiver, der auch konservative Begriffe in seine Sprache integriert".

Alexis Tsipras: "ein radikaler Progressiver, der auch konservative Begriffe in seine Sprache integriert".© Rex/Rex Features /picturedesk.com Alexis Tsipras: "ein radikaler Progressiver, der auch konservative Begriffe in seine Sprache integriert".© Rex/Rex Features /picturedesk.com

Wien. Die Hartnäckigkeit der Krise hat eine neue Generation von Volkstribunen in die politische Arena gespült. Unter diesen sticht Alexis Tsipras hervor. Der 40-Jährige polarisiert Europa, seit er im Jänner 2015 sein Amt als griechischer Ministerpräsident antrat. Die "Wiener Zeitung" sprach mit der in Berkeley tätigen deutschen Ideologieforscherin Elisabeth Wehling über das politisch Besondere an Tsipras’ Rhetorik.

"Wiener Zeitung": Frau Wehling, 2012 haben Sie die These vertreten, dass linke Begriffe aus der politischen Sprache verdrängt worden seien, es eine konservative Hegemonie gebe. Hat sich das seit dem Wahlsieg von "Syriza" geändert, zumal auch anderswo linke Bewegungen entstanden sind?

Information

Elisabeth Wehling
Die Hamburgerin hat Soziologie, Linguistik und Kommunikationspsychologie studiert. Wehling arbeitet an der University of California in Berkeley. Im Winter erscheint ihr neustes Buch "Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht" im Halem Verlag.


Elisabeth Wehling: Nein, das sehe ich nicht so.

Der griechische Premier Alexis Tsipras und seine Anhänger sprechen von "Gerechtigkeit" und "Solidarität", vom Recht auf "Widerstand" und der Empörung der kleinen Leute. Das sind starke linke Parolen.



Das sind per se keine progressiven Begriffe, sie können aber im Sinne des progressiven Ideologiesystems interpretiert werden, das um Werte wie Empathie und Fürsorge kreist. Das linke Rechtsempfinden will etwa jedem geben, was er zu einem guten Leben braucht. Demgegenüber steht das konservative Wertegefüge, das für gerecht hält, wenn jeder bekommt, was er sich verdient. So gesehen greift Tsipras progressive Ideen auf. Allerdings kombiniert er sie mit solchen aus einem radikalisierten konservativen Ideologieverständnis wie "Heimat", das er eher nationalistisch nutzt. Hier driftet Tsipras in eine radikalisierte Wertewelt ab, die auf die Dichotomie von "Gut" und "Böse" zurückgreift. Viele seiner Sprachbilder entstammen zudem Kriegsszenarien, etwa wenn er von "Waterboarding" und "Folter" spricht oder Europa und Deutschland als "Unterdrücker", Griechenland als entmenschlichtes "Versuchskaninchen" beschreibt. Ein nach der Werteforschung ‚echter‘ Progressiver würde andere Sprachbilder verwenden.

Für Sie ist Tsipras also gar kein progressiver Linker?

Tsipras ist für mich ein radikaler Progressiver, der auch konservative Begriffe in seine Sprache integriert. Ein reiner Linker würde zweifellos vieles, für das Tsipras einsteht, unterstützen, vor allem die Überzeugung, dass die Ökonomie eine Frage systemischer Kausalität ist. Die ganze Rhetorik über Austerität beruht auf eindimensionalen Zusammenhängen: die "faulen Griechen", "die jetzt sparen müssen, weil sie zuvor zu viel ausgegeben haben". Konservative bedienen sich eher dieser direkten Kausalität, Progressive blicken eher auf komplexe, systemische Zusammenhänge. Wenigstens ökonomisch argumentiert Tsipras also progressiv.

Verwenden Sie die Begriffe progressiv und konservativ wertneutral?

Als Wissenschafterin sind das die Systeme, die ich erforsche. Bei einem Bier erzähle ich Ihnen dann gerne, wen ich persönlich wähle, aber erst mal stehe ich dem völlig wertfrei gegenüber. Erst mit der Radikalisierung wird es problematisch, und zwar egal, ob man links oder rechts steht.

Ihren wissenschaftlichen Anforderungen zufolge könnte kein lupenreiner Progressiver bei Wahlen bestehen: zu abstrakt, zu kopflastig..

Das sehe ich nicht so. Der zentrale progressive Begriff lautet "Empathie", also das Vermögen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen; dabei handelt es sich um ein Grundbedürfnis aller Menschen, das natürlich auch entsprechend kommuniziert werden könnte. Das progressive Wertesystem ist per se nicht weniger zugkräftig als das konservative.

Was ist das konservative Gegenstück zur linken Empathie?

"Selbstdisziplin". Konservative glauben, dass der Mensch über Wettbewerb, Stärke und Selbstdisziplin entwickelt; gelingt das, geht es allen besser, weil Eigenständigkeit bedeutet, anderen nicht zur Last zu fallen. "Verhätscheln" durch soziale Infrastruktur wird auf diese Weise zu einem fast schon asozialen Verhalten, weil es die Chance auf Stärke vermindert.

Hier das linke Wohlfühlwort "Empathie", dort die rechte kalte "Selbstdisziplin": ein ziemlich ungleiches Begriffspaar. Viele Konservative würden wohl "Familie" als ihren zentralen Wert nennen.

Ja, richtig. Ich muss weiter ausholen: Das linke wie rechte Ideologiesystem hat jeweils rund 35 Unterkomponenten wie Empathie, Selbstdisziplin oder Wettbewerb. Kalt ist "Selbstdisziplin" überhaupt nicht, das ist für sehr viele wirklich ein emotionaler und positiv besetzter Wert. Dahinter steht die Vorstellung, dass jedes persönliche Handeln zu Konsequenzen führt, die man dann auch persönlich zu tragen hat. Das ist authentisch konservativ. Deshalb befürworten auch viele in der Erziehung das, was als "tough love" bekannt ist, also Disziplinierung aus elterlicher Liebe.

Krisenjahre sind stets ein guter Nährboden für Populisten von links wie rechts. Erleben wir eine Re-Emotionalisierung europäischer Politik?

weiterlesen auf Seite 2 von 2




2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-07-17 16:11:05
Letzte Änderung am 2015-07-17 17:45:51


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Andreas Gabalier: Im Rausch der Zeit
  2. Volksnähe mit Mozart
  3. Striche der Apokalypse
  4. b + s
  5. Am Ende Frohlocken
Meistkommentiert
  1. Andreas Gabalier: Im Rausch der Zeit
  2. "Die Weiden" erleiden Schiffbruch an der Staatsoper
  3. Die neue Einstimmigkeit
  4. Sonderausgabe für Herbert Kickl
  5. Eine wunderbare Reise zu den Ursprüngen von Jethro Tull

Werbung





Werbung