"Ich bin Flexitarier", heißt es immer öfter, wenn man Bekannte zum Essen einladen möchte. Flexitarier, das bedeutet, man isst zwar Fleisch, kauft es aber nicht oder selten. Dabei geht es um bewussten Konsum und gesunde Ernährung. Überhaupt scheint es einen deutlichen Trend zu geben rund um das Thema Ernährung und Lebenshygiene. Wurde man früher noch schief angeschaut, wenn man kein Fleisch aß, muss man sich als Vegetarier heute in manchen Kreisen fast rechtfertigen, warum man nicht vegan lebt.

Aber nicht nur Obst und Gemüse werden bewusster eingekauft. Von der Gesichtscreme über das Bier bis hin zum Baumwoll-Shirt, überall findet sich das Label "Bio" oder "Öko" wieder. Streng nach der Devise "back to nature" betreiben die Menschen bis ins Silicon Valley heute Urban-Gardening, und immer mehr Städter ziehen sich aufs Land zurück. Wir machen Yoga und Green-Smoothie-Diäten und sogar das Scham- und Achselhaar sind wieder salonfähig geworden. Viele greifen auf alternative Medizin zurück und Waldorf-Pädagogik ist den meisten ein Begriff und für immer mehr junge Eltern eine Überlegung wert. Große Unternehmen wie SoundCloud bieten in ihren Büros frisches Obst für die Mitarbeiter an und auf den Büroraum-Terrassen werden Kräuter angebaut. Es gibt neue, integrative, generationenübergreifende Wohnformen: Wie ich esse, wie ich wohne, wie ich arbeite, mit wem ich lebe, all das steht zur Diskussion.

In Kutte und Sandalen

Doch wer denkt, dieser Trend sei ein neuzeitliches Phänomen, der irrt. Denn neu ist dieser keineswegs. Vor gut hundert Jahren begann eine Bewegung, von der wir heute noch zehren. Schon damals machte man sich Gedanken, wie man einfacher, gesünder leben kann. Bereits im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gab es Vegetarier, Antialkoholiker, Naturheiler, Naturschützer, Wandervögel, Reformpädagogen, Propheten der freien Liebe, der Nacktkultur, der östlichen Weisheiten und eines naturnahen Lebens.

Die Lebensreform-Bewegung um 1900 war die Suche nach einem alternativen, einem besseren Leben. Um die Jahrhundertwende erreichte diese Bewegung ihren ersten Höhepunkt, bis sie in den 30er Jahren unter den Nazis teilweise vereinnahmt oder gleichgeschaltet wurde. Die damalige Lebensreform-Bewegung kritisierte die negativen Folgen der Industrialisierung. Sie forderten eine Rückbesinnung auf den Naturzustand. Ihr Reformeifer erfasste die Ernährung, Bekleidung, Pädagogik und die Medizin. Aus grauer Städte Mauern galt es auszubrechen und den Körper und den Geist zu heilen von den Auswirkungen der Moderne. Man suchte einen Gegenentwurf zu einer rationalen Industriegesellschaft und rückte die einfache menschliche Existenz und ihre Bedürfnisse ins Zentrum der Betrachtung.

Eine der wichtigsten Persönlichkeiten der Lebensreform-Bewegung war der Maler Karl Wilhelm Diefenbach. Nach dem Studium an der Münchener Kunstakademie fing er an, seinen Lebensstil in Kutte und Sandalen zu verkünden. Wer einen "mit Salz und Pfeffer einbalsamierten Thierleichnam" verzehre, betreibe "schändlichen Bestialismus". Diefenbach propagierte die fleischlose Ernährung. Aber auch Freikörperkultur und die Abwendung von Religion und der Monogamie. Selbst von Typhus geheilt, war er außerdem überzeugter Naturheilkundler.

Freikörper-Ausdruckstanz

Als Künstler verzeichnete Diefenbach Ende der 1880er Jahre große Erfolge und versuchte mit monumentalen spätsymbolistischen Gemälden für seine Ideen zu werben. 1892 zieht Diefenbach mit seinen Kindern von München nach Wien, um dort seine Gemälde auszustellen. Als Künstler immer berühmter, findet der "Kohlrabi-Apostel" aber auch in Österreich nur wenige Anhänger seiner Lebensreform. Ein Konflikt infolge von Betrügereien bei der Leitung des Österreichischen Kunstvereins bringt den Maler Mitte der 1890er Jahre um all seine Werke und treibt ihn in den finanziellen Ruin. Er flieht nach Ägypten, um dort Tempelbauten zu entwerfen, kehrt 1897 aber zurück nach Wien. In Ober-St.-Veit gründet der selbsternannte Prophet im selben Jahr die umstrittene Landkommune "Himmelhof".

24 junge Männer und Frauen leben in der Kommune das Modell eines "besseren Lebens". Unter ihnen auch Gusto Gräser. Stark beeinflusst von Diefenbachs Ideologien, gründet Gräser nach dem Scheitern der Kommune Himmelhof 1897 die lebensreformerische Künstlerkolonie "Monte Verita" in Ascona in der Schweiz. Zusammen mit seinem Bruder Karl Gräser, dem Belgier Henri Oedenkoven und der Münchener Pianistin Ida Hofmann errichten sie auf dem sogenannten "Hügel der Wahrheit" um 1900 eine gesellschaftliche Utopie, die sich zum Zentrum alternativer Bewegungen entwickelt: Lebensreform, Vegetarismus, Anthroposophie, Freikörperkultur, freie Liebe, Psychoanalyse, Ausdruckstanz, Pazifismus und Theosophie werden hier gelebt.

Die Kolonie entwickelte sich auch zum Zentrum politischen Widerstandes gegen die autoritären Regime des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts und zieht damit viele Intellektuelle dieser Zeit an. Während des Ersten Weltkriegs sammeln sich Pazifisten, Verweigerer und Flüchtlinge auf dem Schweizer Monte Verita, um dort ein besseres Leben zu führen und mit der Natur und sich in Einklang zu gelangen. Hermann Hesse, Gerhart Hauptmann oder auch Ernst Bloch zählen zu den berühmtesten Bewohnern der Schweizer Friedenskolonie.