"Wissen Sie eigentlich, ob dieser Cthulhu-Kult auch in der Realität praktiziert wird?", fragt der Anrufer, der ein paar Fragen und Hinweise zum Artikel über H. P. Lovecraft hat. Nein, ganz ehrlich: Ich weiß es nicht - "aber das Ganze ist ja ziemlich deutlich Fiktion." "Das hat Menschen noch nie abgehalten, sich einen irren Glauben zurechtzubasteln", sagt der Anrufer. "Da gibt es die seltsamsten Dinge." Was er dann aufzählt, glaube ich zuerst nicht, aber die Überprüfung belegt, dass es sich um Fakten handelt. Und er nennt nicht einmal die bizarrsten Bizarrerien. Zum Beispiel die Sache mit dem lebenden Gott von Tanna im fernen Großbritannien.

Davon wird noch zu reden sein.

Bizarre Kulte - da denkt man an Jehovas Zeugen, die glauben, dass jederzeit die Welt untergehen könnte; man denkt eventuell auch an Scientology mit einer Lehre, die aus Wissenschaft, Fantasy und Science-Fiction zusammengemischt anmutet. Aber was ist das gegen "Creativity Movement"?

Creativity ohne Schöpfer

Was nach christlichem Fundamentalismus klingt, ist das genaue Gegenteil: Was Ben Klassen da 1973 in Illinois ins Leben gerufen hat, ist zur Religion erhobener Rassismus. Die Creativity-"Kirche" ist atheistisch, sie verehrt die Natur an sich. Der "Creator" ist nicht ein Schöpfer, sondern jedes Mitglied der Gemeinschaft steht in diesem Rang. Die weiße Rasse ist der höchste Glaubensinhalt - das erinnert an die Rassereligion, die Heinrich Himmler vorschwebte, und man beginnt, die Hintergründe von Creativity zu begreifen. Die Leugnung der Shoah ist Glaubensinhalt. Morde, die von Creatoren begangen wurden, werden konsequent als Taten von Individuen dargestellt. Der langjährige Creativity-Leiter Matthew Hale indessen verbüßt derzeit eine 40-jährige Haftstrafe wegen der Anstiftung zum Mord an einer Richterin. "Creativity" gilt als eine der am schnellsten wachsenden rassistischen Bewegungen der USA.

Träume sind bisweilen Schäume mit gefährlichen Folgen: Dem US-amerikanischen Musiker Chris Korda beispielsweise erschien im Traum ein Wesen, das sich schlicht "The Being" (ja, nun, eben "Das Wesen") nannte und gab Korda ein Gebot: Du sollst Dich nicht fortpflanzen. Korda, der auch als Gender-Aktivist von sich reden gemacht hatte, kam die höhere Weisung gerade recht. Seit 1992 nennt er sich "Reverend" und gründet die "Church of Euthanasia". Nur die Auslöschung der Menschheit könne die Erde retten. So wirbt diese "Kirche" für Suizid und Kannibalismus. "Save the planet - kill yourself" stand auf einer Tafel, die bei einer Demonstration der "Church of Euthanasia" hochgehalten wurde. Als Sexualpraktiken sind ausschließlich solche zulässig, die unter gar keinen Umständen zur Fortpflanzung führen: Analsex und Sodomie. Sollte ein Gemeindemitglied sündigen und es zu einer Schwangerschaft kommen, ist deren Beendigung geboten.

Der lebende Gott von Tanna ist dagegen harmlos - und so können wir ihn ruhig noch auf die Warteliste setzen und uns den Raëlianern zuwenden. Wer die Werke Erich von Dänikens bekopfschüttelt hat oder sich mit der Präastronautik, der Lehre von außerirdischem Besuch in Vorzeiten, frohe Stunden gemacht hat, fühlt sich auf vertrautem Gebiet. Tatsächlich war es ja auch ein, freilich gegenwärtiger, Außerirdischer, der 1973 dem französischen Motor-Journalisten Claude Vorilhon die Lehre mitteilte. Der Ufonaut bestätigte Erich von Däniken - oder eher, sprach er doch zu einem Franzosen, Robert Charroux - kurz: Die Bibel hat mit allem recht, außer mit der Mystik. Gott war ein Astronaut. Als sich die Menschen zu hoch entwickelten, wurden sie mit Atomwaffen vernichtet. Noah rettete in einer Rakete Zellen aller Lebensformen, aus denen man später das neue Leben klonen konnte. Überhaupt ist das Klonen höchster Raëlianer-Wert, sie sehen im Klonen das Ewige Leben. Sie behaupten, 2002 einen Menschen geklont zu haben. Sie wollen Hitler klonen, um ihn vor Gericht zu stellen. Und sie wollen aus dem Turiner Grabtuch Jesus klonen. Wenn das nur keine Fälschung ist...

Die Film-Religion

Science-Fiction als Glauben? - Da ist es nicht mehr weit zu einem Science-Fiction-Film als Glaubensgrundlage - und der lebende Gott von Tanna sitzt vorerst weiter auf der Wartebank. Aber Moment einmal! Wenn nun die aufgeschriebene Geschichte für den Menschen seinerzeit ungefähr das war, was heute der Film ist, also zwischen Schriftrolle und Zelluloidstreifen nur ein Materialunterschied besteht, und man akzeptiert, dass Judentum, Christentum und Islam alle auf Geschichten in Büchern basieren, warum sollte dann nicht auch "Star Wars" die Grundlage einer Religion sein? Gäbe Jar Jar Binks nicht einen wunderbaren Papst ab?

Aber natürlich geht es nicht um den stieläugigen Schlappohresel vom Planeten Naboo, sondern um die Jedis. Was Yoda lehrt, Glauben ihnen ist. Christentum, Buddhismus, Daoismus und Shintoismus gemischt werden bunt wie die Wortstellung in einem Satz des Zwergweisen. Ein Minderheitenprogramm für Scifi-Nerds? Mitnichten! In Australien beispielsweise zählt der Jediismus 70.000 Mitglieder, in Tschechien 15.000. In Deutschland und Österreich tritt der Jediismus als Orden auf und nimmt seinen Kodex durchaus ernst: "Gefühle gibt es nicht - Frieden gibt es. Unwissenheit gibt es nicht - Wissen gibt es. Leidenschaft gibt es nicht - Gelassenheit gibt es. Es gibt kein Chaos - Harmonie gibt es. Tod gibt es nicht - die Macht gibt es." Ein Jedi das ist, der beachtet es.