• vom 15.09.2015, 16:10 Uhr

Kultur

Update: 16.09.2015, 12:01 Uhr

Satire

Dollfuß, interaktiv




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Von Michael Ziegelwagner

  • Das "Haus der Geschichte" wird konkreter. Kein Grund, nicht ein paar kühne, wenn auch satirische Ideen in den Raum zu stellen.

"History-Spaß" zum Mitnehmen: Vorschläge für den Museumsshop. Daniel Jokesch

"History-Spaß" zum Mitnehmen: Vorschläge für den Museumsshop. Daniel Jokesch "History-Spaß" zum Mitnehmen: Vorschläge für den Museumsshop. Daniel Jokesch

Der Standort
Kulturminister Ostermayer schlug ursprünglich vor, das "Haus der Geschichte" mit dem Weltmuseum zusammenzulegen, dem früheren "Museum für Völkerkunde". Vorteil: niedrige Kosten durch Raumteilung. Man hätte bloß ein paar Speere und Kultmasken zur Seite räumen und Paravents aufstellen müssen, schon wäre Platz gewesen für Kreisky-Büsten und geschnitzte Perchtenlarven. Der grüne Bildungssprecher Walser wollte hingegen eine etwas dezentralere Unterbringung im Heeresgeschichtlichen Museum (erreichbar mit der Buslinie 69A). Das wäre durchaus konsequent gewesen, denn schließlich ist ja auch die österreichische Geschichte etwas, das mitunter gerne an die Peripherie des Bewusstseins verdrängt wird.

Nach letzten Informationen wird das Museum nun in jenem Teil der Neuen Burg angesiedelt, in dem sich derzeit die "Sammlung alter Musikinstrumente" befindet. Diese wird ausgelagert. Aber warum eigentlich? Hätte man nicht einfach beide Museen vereinigen können, die Instrumentensammlung zeithistorisch aufpeppen? Neben Posthorn und Pedalharfe passt auch die Zither, zu der Leopold Figl den Russen die "Reblaus" vortrug, oder die berühmten drei Wende-Instrumente Ziehharmonika, Gitarre und Querflöte des Volksmusiktrios Schüssel/ Gehrer/ Molterer.


Heikel an der Neuen Burg ist der sogenannte "Hitlerbalkon" - beziehungsweise "der berühmte Balkon, der mit einbezogen werden soll" (Ostermayer). Ihn zu integrieren, wird knifflig. Für seine Begehung müssten die Besucher eine Art demokratisches Leumundszeugnis vorlegen oder wenigstens versprechen, keine umstrittenen politischen Forderungen auf den Heldenplatz hinunterzuschreien. Alternativ könnte man den Balkon mit einer gläsernen Lärmschutzwand umgeben - oder ihn einfach absägen.

Der Neubau
Bis zur geplanten Eröffnung 2018, dem 100. Geburtstag der Ersten Republik, sind noch drei Jahre Zeit. ÖVP-Wissenschaftsstaatssekretär Harald Mahrer spricht sich deshalb für einen Neubau aus - und zwar unter dem Namen "Haus der Zukunft". Für ihn ist das kein Gegensatz zum "Haus der Geschichte", sondern eine Ergänzung. Und soll auf dem Heldenplatz errichtet werden.

Aber wo genau? Eine Verbauung der Hundewiese ist unmöglich - die mächtige Wiener Hundehalterlobby würde Sturm laufen. Der Platz um das Reiterstandbild von Erzherzog Karl wird für Erntedankfeste, Fanzonen und Staatsfeiertage benötigt. Genug Raum wäre allemal in dem unterirdischen (und geschichtsträchtigen!) Tunnel, den die schwarz-blaue Koalition im Jahr 2000 benutzte, um sich angeloben zu lassen. Der "Zukunftstunnel": ein origineller Ansatz, mit dem man zugleich einem Kabinett Strache I elegant den Weg zur Ernennung verbauen würde. Oder ihm dabei zumindest Eintritt abverlangt.

Der Baustoff
Soll das "Haus der Zukunft" tatsächlich errichtet werden, dann plädiert Staatssekretär Mahrer für einen Holzbau - als "Zeichen der Leistungsfähigkeit der heimischen Holzwirtschaft" (kein Witz). Ein Holzhaus bietet aber noch mehr Vorteile: Einerseits transportiert es etwas über die Holzwege historischer Entscheidungen, andererseits steht es durch seine bessere Verwitterbarkeit sinnbildlich für die Vergänglichkeit von Geschichte - und ihren Übergang in die "Zukunft" (Mahrer). Weitere mögliche Baumaterialien: Japanische Papierwände (stehen noch sinnbildlicher für die Vergänglichkeit); brutalistischer Sichtbeton (als Symbol für das festzementierte System der fortdauernden Zweiten Republik, der großen Koalition und der Sozialpartnerschaft - kuratorische Beratung: Robert Menasse); Lebkuchen (sofern man auch an die süßlich-verkitschten Epochen österreichischer Geschichte erinnern möchte: das Biedermeier, die Sisi-Jahre, die Kreisky-Jahre).

Der Inhalt
Ob es das ergänzende "Haus der Zukunft" nun geben wird oder nicht - eines ist klar: Um die Vergangenheit kommt man nicht herum. Laut Konzeptpapier beginnt die Vergangenheit in der "Mitte des 19. Jahrhunderts". Wichtig: Das "Haus der Geschichte" soll "verschiedene Erinnerungskulturen vermitteln und klarmachen, dass es kein fixes beziehungsweise einheitliches Geschichtsbild gibt". Ein Ansatz, der spätestens beim Thema Engelbert Dollfuß notwendig wird - hier haben SPÖ und ÖVP zwei sehr uneinheitliche Geschichtsbilder. Als Kompromiss wäre es denkbar, die Räumlichkeiten ab dem Jahr 1934 zu teilen: In der Mitte stünden die Exponate, links und rechts würden zwei Gänge daran vorbeiführen, in denen, je nach politischem Geschmack, Dollfuß als Austrofaschist, Arbeitermörder und Wegbereiter Hitlers präsentiert wird oder als christlicher Märtyrer, Österreichpatriot und erstes Opfer der Nazis. Nach 1938 lassen sich die beiden Gänge wieder vereinen. Dort können die von beiden Seiten zuströmenden Besucher im "Geist der Lagerstraße" wieder zusammenfinden, sich in die Arme fallen und die folgenden Ausstellungsmeter gemeinsam durchstehen.

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Schlagwörter

Satire, Haus der Geschichte

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-09-15 16:14:05
Letzte nderung am 2015-09-16 12:01:15



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