• vom 04.08.2008, 17:52 Uhr

Kultur


Alexander Issajewitsch Solschenizyn gestorben - kontroversielle Gestalt der russischen Literatur

Von der Wahrheit zur Wunderlichkeit




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Von Edwin Baumgartner

  • Alexander Solschenizyns Kampf gegen den Kommunismus.
  • Das "Schwert in Gottes Hand".
  • Vorwurf des Antisemitismus.
  • Moskau/Wien. Dissident. Dichter. Modeautor. Nobelpreisträger. Nationalist. Antistalinist. Antisemit. Schwindler. Wahrheitsverkünder. Schlagwörter, mit denen der Autor bedacht wurde. Schlagwörter, in denen sich ein Leben spiegelt, das als Summe der Ereignisse vielleicht wichtiger ist als die Dichtung, die in diesem Leben hervorgebracht wurde. Denn Alexander Issajewitsch Solschenizyn, der am Sonntag in Moskau im Alter von 89 Jahren an einem Schlaganfall gestorben ist, steht exemplarisch für ein russisches Schicksal nach der Oktoberrevolution.

Zwei heimgekehrte Dissidenten: Alexander Solschenizyn (r.) und der Cellist Mstislaw Rostropowitsch nach einem dem Schriftsteller gewidmeten Konzert am 15. Dezember 1998 in Moskau. Foto: epa/Kochetkov

Zwei heimgekehrte Dissidenten: Alexander Solschenizyn (r.) und der Cellist Mstislaw Rostropowitsch nach einem dem Schriftsteller gewidmeten Konzert am 15. Dezember 1998 in Moskau. Foto: epa/Kochetkov Zwei heimgekehrte Dissidenten: Alexander Solschenizyn (r.) und der Cellist Mstislaw Rostropowitsch nach einem dem Schriftsteller gewidmeten Konzert am 15. Dezember 1998 in Moskau. Foto: epa/Kochetkov

Geboren wurde Solschenizyn am 11. Dezember 1918 im südrussischen Kislowodsk, einem alten Kurort. Nach der Schule studiert er Mathematik und Philosophie in Rostow am Don. Während des Zweiten Weltkriegs kämpft er in der Roten Armee als Batteriechef einer Artillerieeinheit.


Während der letzten Kriegsmonate fällt Solschenizyn der russischen Spionageabwehr auf. Er ist überzeugter Leninist. In Briefen an seinen Schwager übt er Kritik an Stalin. Das ist inakzeptabel. Stalin ist der unanfechtbare Führer des sowjetischen Volkes im Großen Vaterländischen Krieg. Kritik an Stalin ist Kritik am Sowjetischen Volk.

Verurteilung und Lagerhaft

Solschenizyn wird in die Lubjanka, das gefürchtete Moskauer Gefängnis, gebracht. Nach Artikel 58 des sowjetischen Strafgesetzbuches wird er der "konterrevolutionären Tätigkeit" schuldig gesprochen. Acht Jahre Haft.

Zuerst wird er einem Sonderlager für Wissenschafter zugeteilt. Er lernt den Literaturwissenschafter und Germanisten Lew Kopelew kennen, der sich später für ihn einsetzen wird. Später wird Solschenizyn in das Lager Ekibastus in Kasachstan verlegt.

1953 kommt Solschenizyn frei, wird aber auf Lebenszeit in den kasachischen Ort Kok-Terek verbannt. Er muss sich als Dorfschullehrer durchschlagen. Dann wird bei Solschenizyn Krebs diagnostiziert. Diese Phase seines Lebens arbeitet er im Roman "Krebsstation" auf.

Am 5. März 1953 stirbt Stalin. Im Februar 1956 hält Nikita Chruschtschow auf dem 20. Parteitag der KPdSU die Geheimrede, mit er die Entstalinisierung einleitet. 1957 wird Solschenizyn offiziell rehabilitiert, die Verbannung wird aufgehoben. Zweifellos spielt die Krebserkrankung dabei eine Rolle: Man geht davon aus, dass der politisch unzuverlässige Autor bald stirbt.

Im Tauwetter

Doch den Gefallen tut Solschenizyn den Sowjetbeamten nicht. Er zieht sich zurück, um ungestört schreiben zu können. "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" (1962) entsteht. Der Roman erscheint in der Literaturzeitschrift "Nowyj Mir". Deren Redaktion glaubt, dass die Darstellung des grausamen Alltags eines Gefangenen in einem sowjetischen Arbeitslager der Entstalinisierung entgegenkommt. Tatsächlich wird Solschenizyn Chruschtschow persönlich vorgestellt.

Die Freiheit ist jedoch trügerisch: Chruschtschow akzeptiert Solschenizyns Roman wegen der antistalinistischen Tendenz. Boris Pasternak darf jedoch 1958, also mitten in Chruschtschows sogenanntem Tauwetter, den Literatur- Nobelpreis nicht annehmen, weil sein Roman "Doktor Schiwago" nicht anti-stalinistisch ist, sondern, nach sowjetischer Auffassung, konterrevolutionär.

Am 14. Oktober 1964 wird Chruschtschow gestürzt. Sein Nachfolger Leonid Breschnew stoppt die Entstalinisierung. Für Solschenizyn bedeutet das ein neuerliches Klima der Überwachung. 1965 beschlagnahmt der KGB das Manuskript von Solschenizyns Roman "Im ersten Kreis". 1970 wird Solschenizyn der Nobelpreis zuerkannt. Er wagt nicht, ihn persönlich entgegenzunehmen. Solschenizyn hat Angst, in seiner Abwesenheit ausgebürgert zu werden.

1969 war Solschenizyn aus dem Schriftstellerverband der UdSSR ausgeschlossen worden. Damit endeten seine Chancen, seine Bücher in der Sowjetunion veröffentlichen zu können. "Archipel Gulag", seine monumentale Beschreibung des sowjetischen Lagersystems, kann nur noch im Tamisdat erscheinen.

Die regimekritische Sowjetliteratur, für die keiner der staatlich kontrollierten Verlage in Frage kommt, verfügt über zwei Veröffentlichungsmöglichkeiten. Beide sind gleich riskant: "Samisdat" bedeutet "Selbstverlag". In diesem Fall werden die Bücher im Geheimen gedruckt und unter der Hand verkauft. "Tamisdat" ist ein Neologismus, der wörtlich übersetzt "Dort-Verlag" bedeutet. In diesem Fall werden die Manuskripte ins nicht-kommunistischen Ausland, meist nach Frankreich, geschmuggelt, dort gedruckt und in die Sowjetunion zurückgeschmuggelt.

Der KGB entdeckt den ersten Teil des "Archipel Gulag". Aber Solschenizyn ist durch den Nobelpreis zu bekannt. Man kann den aufsässigen Autor keinen Prozess machen, ohne im Westen Aufsehen zu erregen.

Die Ausweisung

Aber man kann ihn ausweisen. 1974 muss Solschenizyn die Sowjetunion verlassen. Er findet Zuflucht in Deutschland bei Heinrich Böll. Und Solschenizyn besucht den chilenischen Diktator Augusto Pinochet. Die westliche Welt wundert sich über den skurrilen Einfall. Sie wundert sich ein zweites Mal, als Solschenizyn in seinem autobiografischen Buch "Zwischen zwei Mühlsteinen" von dem Besuch in Chile nichts mehr wissen will.

Solschenizyn lebt zuerst in Zürich, später übersiedelt er nach Vermont in die USA. Er weigert sich, Englisch zu lernen, denn er ist der Überzeugung, eines Tages wieder nach Russland heimkehren zu können.

Voran in die Vergangenheit

1990 macht der russische Präsident Michail Gorbatschow den ersten Schritt: Er rehabilitiert Solschenizyn und gibt ihm die sowjetische Staatsbürgerschaft zurück. Aber Solschenizyn wartet noch ab. Zu oft hat er Umschwünge erlebt. Erst 1994 kehrt er nach Russland heim.

Und nun erlebt die westliche Welt einen Solschenizyn, wie ihn nur Eingeweihte hinter vorgehaltener Hand geschildert haben: Er propagiert eine heilige russisch-orthodoxe Nation, die sich vom dekadenten Westen abwendet. Zurück in die vorrevolutionäre Gesellschaftsordnung soll der Weg führen. Als "Schwert in Gottes Hand" bezeichnet sich Solschenizyn. Im kulturellen Pluralismus glaubt er, den Verfall zu erkennen. Antisemitische Züge, die er schon im Exil an den Tag gelegt haben soll, werden nun offenbar: In seinem Buch "Zweihundert Jahre zusammen" weist er den Juden undifferenziert die Schuld am Weg Russlands in die kommunistische Katastrophe zu.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2008-08-04 17:52:20
Letzte Änderung am 2008-08-04 17:52:00

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