Manche Bücher wirken allein schon aufgrund ihres Erscheinungsbildes seriös. Der Pichler Verlag bringt Reinhard Habecks "Ungelöste Rätsel" als gebundene Ausgabe auf den Markt: 206 Seiten auf schönem Papier, auf nahezu jeder Seite mindestens eine Schwarzweiß-Illustration, dazu Farbbild-Seiten. Manch wissenschaftlichem Werk wünscht man eine solch ansprechende Edition.

Von der Aufmachung darf man sich indessen nicht täuschen lassen: Habecks Buch gehört in die Richtung der spekulativen Wissenschaft, dorthin also, wo die Spekulation vermeintlich Wissen schafft.

Habeck wurde 1962 in Wien geboren. Er ist ausgebildeter Vermessungstechniker und lebt als freiberuflicher Buchillustrator, Cartoonist und Autor. Dazu hat er sich der Präastronautik verschrieben. Deren Meister, der Schweizer Erich von Däniken, behauptet, Astronauten aus fremden Galaxien landeten in Vorzeiten auf der Erde, und es gäbe - der ursächliche Zusammenhang wird einmal mehr, einmal weniger hergestellt - Beweise für eine prähistorische Technik auf dem Stand der heutigen (wenn nicht gar höher). Dafür lassen sich überall auf der Erde Belege in Form von Bauwerken und Artefakten finden. Man muss sie nur richtig zu deuten wissen.

Den Leser bugsieren


Habeck gehört zur Nach-Däniken-Generation der spekulativen Wissenschaft (was im Grund eine unmögliche Begriffskombination ist, denn Wissenschaft ist das Gegenteil von Spekulation). Nachdem der Schweizer Ahnherr der Disziplin wiederholt widerlegt wurde und die extremsten Irrtümer eingestanden hat, freilich ohne von seiner Grundannahme abzuweichen, legt man sich heute nicht mehr fest. Man präsentiert die angeblichen Beweise in vermeintlich beweiskräftigen Zusammenstellungen, bugsiert den Leser im Text in die gewünschte Richtung, gibt ihm aber nicht mehr vor, was er zu glauben hat, sondern suggeriert ihm, selbst jene Fehlschlüsse zu ziehen, denen der jeweilige Vertreter der spekulativen Wissenschaft selbst aufgesessen ist. Habeck ist dabei einer der überzeugendsten, und man muss sehr genau aufpassen, dass man nicht in die Falle seiner Überzeugungskraft tappt.

Wie es zu diesen Fehlschlüssen kommt, ist relativ leicht durch die Art des menschlichen Denkens erklärt. An sich ist der Mensch für ein Leben auf der Erde ungeeignet: Seine Sinne wären nicht scharf genug, er wäre zu langsam und zu schwach, um sich zu behaupten. Dass der Mensch sich an die Spitze der Fauna setzen konnte, hat er einzig und allein seinem Denkvermögen zu verdanken, nämlich der Fähigkeit, Muster zu erkennen und Zusammenhänge herzustellen. Darauf ist das menschliche Gehirn programmiert.

Was aber, wenn es beim Herstellen von Zusammenhängen an irgendeinem Punkt eine falsche Abbiegung erwischt? Bei einer Autofahrt kommt man an einem Ort an, zu dem einen nichts hingezogen hat. In der Wissenschaft verlässt man den Weg von Beweisbarkeit und Vernunft und landet in den Grenzgebieten wie Präastronautik, Homöopathie oder, ja, auch sie gehören genau in diesen Bereich: Verschwörungstheorien.

Am "Vogel von Sakkara" lässt sich eine solche falsche Abbiegung ideal darstellen. Gefunden wurde das Artefakt aus Sycomorenholz 1898 bei Ausgrabungen einer Grabstätte im ägyptischen Sakkara. Es wurde auf 200 vor Christus datiert. 1972 fiel dem ägyptischen Arzt Khalil Messiha auf, dass das Vogelmodell senkrechte Schwanzfedern hat. Jetzt kommt die falsche Abbiegung: Messiha fühlte sich an ein Flugzeugleitwerk erinnert und deutete den Vogel als Modell eines altägyptischen Segelflugzeugs. Der Rest war nur noch eine Frage der, um beim Vergleich mit der Autoirrfahrt zu bleiben, Rastplätze am Straßenrand.

Alsbald nämlich wurde anhand von Modellnachbauten die Flugtüchtigkeit des altägyptischen Artefakts nachgewiesen. Wer hatte die Ägypter den Flugzeugbau gelehrt? - Natürlich die außerirdischen Astronauten. Wenn sie nicht gerade dabei waren, mit ihren Raumschiffen und Spezialkränen den Pyramidenbau voranzutreiben, nahmen sie den Pharao und den Hofstaat auf einen Rundflug im Privatjet mit.

Flugzeug mit Vogelgesicht


Dass der Vogel von Sakkara eindeutig ein Vogelgesicht hat, das ihn als Taube oder als Falken ausweist, dass unter bestimmten Winkeln die Perspektive dem menschlichen Auge einen Streich spielt und das Schwanzgefieder eines fliegenden Vogels sich tatsächlich senkrecht ausnimmt, dass jedes Objekt, auch ein Kieselstein, flugtauglich ist, wenn man es nur ausreichend beschleunigt, und dass das Modell eines Vogels noch dazu naturgemäß aerodynamisch günstige Eigenschaften hat, spielte da für die Anhänger der spekulativen Wissenschaft längst keine Rolle mehr. Der Vogel war für sie ein altägyptisches Flugzeug und ist es bis heute geblieben.

Wobei freilich auch die Ratlosigkeit der seriösen Wissenschaft eine gewisse Rolle spielt: Sie geht zwar ohne Zweifel von einem Vogel aus, kann aber nicht erklären, wozu das Artefakt diente. Auch hier sieht man den Unterschied in der Methode: Die seriöse Wissenschaft gibt zu, wenn mit ihrer Methodik und ihrem Kenntnisstand kein plausibles Erklärungsmodell möglich ist. Die spekulative Wissenschaft füllt die weißen Flecken auf - fast ist das so wie in Michael Crichtons Roman beziehungsweise Steven Spielbergs Verfilmung "Jurassic Park", wenn die Lücken der Saurier-DNA-Stränge mit Amphibien-DNA gestopft werden: Man setzt etwas ein, das sich halbwegs passend ausnimmt.