Kaum eine Neuerscheinung zu Russland kommt heute ohne das Konterfei des russischen Präsidenten aus. Wladimir Putin dominiert aber nicht nur auf den Umschlagseiten, sondern auch in den Büchern. Erfrischend anders präsentiert sich das Buch "Auch wir sind Russland" von Swetlana Gannuschkina. Die Moskauerin war über Jahrzehnte Mathematikdozentin - bis die Sowjetunion zu zerfallen begann und ethnische Konflikte ausbrachen. Da begann Gannuschkina, sich für Flüchtlinge zu engagieren und war so täglich in nervenaufreibende Auseinandersetzungen zwischen Bürgern und Staat involviert.

Ganz zu Beginn betreute Gannuschkina Armenier und Aserbaidschaner, die 1990 vom Krieg um Bergkarabach nach Moskau flohen; es folgten Flüchtlinge aus Tschetschenien, später Migranten aus Zentralasien. Gannuschkina erinnert aber auch an Flüchtlings- und Umsiedlerwellen, die nur wenigen präsent sind: von Menschen des russischen Kulturkreises aus allen Ex-Sowjetrepubliken, denen mit dem Zerfall des Riesenreiches die Heimat "unter ihren Füßen entzogen wurde", die für die neuen Machthaber plötzlich "Okkupanten" waren.

Die Autorin, deren Buch gleichzeitig auch ihre Autobiografie ist, machte bei ihrem Einsatz für Flüchtlinge wenig positive Erfahrungen. Sie beschreibt ein Land, in dem Unschuldige im Strafvollzug gefoltert werden, sich tschetschenische Bürger die Taschen zunähen, damit ihnen Polizisten keine "Beweise" unterjubeln können, und in dem die Fremdenfeindlichkeit bedrohlich wächst.

Gannuschkina erinnert daran, dass die 1990er Jahre in Russland eine Blütezeit der Nichtregierungsorganisationen waren, man ihnen in der Gesellschaft sehr wohlgesinnt war. Heute aber sind Nichtregierungsorganisationen sehr stark als vom Ausland gesteuert diskreditiert und Angriffen von Behörden ausgesetzt.

Erfrischend ist, dass Gannuschkina um ihren persönlichen Einsatz und den Drohungen gegen ihre Person - viele ihrer Mitstreiter kamen unter ungeklärten Umständen zu Tode - praktisch keinen Wind macht und ihre Erfahrungen losgelöst von jeglichem Bestätigungsdrang mitteilt. Ihre Episoden sind teils spannend, teils langatmig, da sie manche (wohl aus Gewohnheit), fast protokollartig aufschrieb. Ihre langjährige Erfahrung mit Migranten auch aus anderen Kulturkreisen erlaubt ihr einen sehr nüchternen Blick auf das Thema Migration und Integration. "Keine Toleranz für Intoleranz", lautet ihre Kernaussage.