Wien. Der Ton ist rauer geworden, das Licht greller. Einen Bereich der Schattierungen zwischen gleißendem Licht und dunkelstem Schatten gibt es kaum noch. Wer versucht, sich mit differenzierten, hintergründigen, vielleicht sogar kritischen Gedanken einzubringen, wird vereinnahmt. Mitunter sogar von beiden Enden des politischen Spektrums gleichzeitig. Zwischen denen, die sofort Islamophobie orten und anprangern und den lautstarken "Lügenpresse"-Skandierern ist kaum Platz. Entweder-oder, scheint die Devise.

Die Debatte über die Art und Weise, wie über die Themen Integration und Islam öffentlich diskutiert wird, beschränkt sich längst nicht mehr auf ruppige Kommentare im Internet. Sie ist auch in den Redaktionen Europas präsent. Wann ist es notwendig, die Herkunft eines vermeintlichen Straftäters zu nennen? Wann ist Schweigen Gold? Über diese Fragen stolperte auch das deutsche ZDF nach den Übergriffen der Kölner Silvesternacht. Nur keine neuen Ressentiments auf Seiten der ausländlerfeindlichen Rechten zu provozieren und daher vorerst nicht oder nur vage zu berichten, diese Strategie ging nach hinten los. Und ließ diejenigen noch lauter rufen, die es immer schon gewusst hatten. Dass Medien die Lage schönreden, Probleme ausblenden, um die vermeintlich bedrohliche Wahrheit bewusst zu verzerren. "Lügenpresse" eben.

Mit der Frage an die Netzgemeinde, wie die Redaktion über die Vorfälle denn berichten solle, stellte der Sender endgültig seine Verunsicherung bloß. Objektivität und gründliche Recherche als klare Richtlinie des Qualitätsjournalismus schienen da kurz in Vergessenheit geraten zu sein.

Die Debatte reißt auch zwei Monate später nicht ab. Auch der ORF-Publikumsrat widmete sich vergangenen Donnerstag dem Thema, inwieweit Empathie (mit Flüchtlingen) in der Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Senders Platz haben dürfe und solle. ÖVP-nahe Stimmen warfen dem ORF vor, nicht sachlich zu informieren, sondern in die eine oder andere Richtung zu emotionalisieren. Die SP-nahe Fraktion verwies darauf, dass mit der Empathie auch ein Grundpfeiler der Demokratie verloren ginge.

Zum Vorwurf der "Lügenpresse" nahm diese Woche auch "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo Stellung: "Ein Journalismus, der bestimmte Themen nicht stattfinden lässt, aus Angst, das könnte die Falschen munitionieren, macht sich angreifbar." Die Ereignisse von Köln bezeichnet er nicht nur als Wendepunkt "für unser Land, sondern auch für den Journalismus".

Eine nötige, doch nicht unproblematische Wende. Denn berichten Journalisten über die bereichernden Aspekte der Flüchtlingskrise, erzählen von berührenden menschlichen Begegnungen oder zeigen gelungene Modelle des Miteinanders auf - und für diese Linie hat sich der Großteil der deutschsprachigen Qualitätsmedien entschieden - laufen sie Gefahr, Kritik einstecken zu müssen, sie würden die Probleme und Gefahren ausblenden. Und haben sich den Vorwurf gefallen zu lassen, selektiv zu berichten. Widmen sich Medien allerdings den Brennpunkten der Integration oder hinterfragen kritisch die Möglichkeiten eines europäischen Islam, stehen nicht nur die Islamophobie-Rufer vor der Türe. Auch das rechte Lager bedient sich der Argumente, wie differenziert sie auch immer sein mögen, um die eigene Fremdenfeindlichkeit zu untermauern. Wir haben es ja immer gewusst.

Themen wie das Frauenbild in der islamischen Welt oder die Rolle der Sexualität in einer ausgewogenen Debatte daher jedoch einfach auszusparen, kann nicht die Lösung dieses Dilemmas sein. Wer sich mit einer klaren Haltung positioniert, macht sich eben auch angreifbar. Doch Angriff war auch immer schon die beste Verteidigung. Die Alternative, nämlich in vorauseilender Selbstzensur zu schweigen, überlässt das Feld gänzlich dem rechten Lager, das das Schweigen als Zustimmung zu ihren fremdenfeindlichen Parolen versteht. Die Probleme und Konfliktfelder anzusprechen und differenziert zu beleuchten, ist hier der einzig konstruktive, wenn auch härtere Weg.

Doch nicht nur Journalisten sind vom herben Ton in der Debatte betroffen. Auch Theatermacher, Schriftsteller und Philosophen geraten zunehmend ins Kreuzfeuer der Kritik. Auf beiden Seiten. Das Volkstheater Wien etwa kam in die Schlagzeilen, weil es die geplante Uraufführung von Ibrahim Amirs "Homohalal" abgesagt hatte. Die Vorzeichen für den vor zwei Jahren geschrieben Text haben sich verändert, so Direktorin Anna Badora. Der öffentliche Diskurs über Geflüchtete sei derzeit stark von Angst und Hass geprägt. Hier eine Dystopie zu zeigen, "so vielschichtig und komisch sie auch sein mag", sei nicht die geeignete Form. In Unkenntnis des Stückes muss auch die Frage erlaubt sein: Warum eigentlich nicht? Wer, wenn nicht das Theater, darf, soll und muss gesellschaftliche Entwicklungen zuspitzen, verschärfen und bloß stellen? Den Finger noch ein Stück tiefer in die Wunde bohren. Damit sie Luft hat, um zu heilen. Statt sich am eigenen Eiter zu vergiften.