Noch ein paar Denkansätze mehr gefällig? Die Philosophie des Aristoteles kannte keine Grenzen. - © fotolia/harisvithoulkas
Noch ein paar Denkansätze mehr gefällig? Die Philosophie des Aristoteles kannte keine Grenzen. - © fotolia/harisvithoulkas

Aristoteles schaut auf das Meer. Eine Idee blitzt in ihm auf: Ein Becken könnte es sein, in dem sich alles Wasser der Welt sammelt und wieder verdunstet. So hat Aristoteles das Meer noch nicht gesehen gehabt. Sein Denken war auf anderes gerichtet gewesen. Er durchfährt seinen Bart, in dem sich erste graue Haare zeigen. Aristoteles wirft den Gedanken von sich, ähnlich der Katze, die im Hafenbecken, auf der Suche nach Fischresten, dem Wasser zu nahe gekommen ist, ihre Pfote trockenschüttelt, schnippt die Zigarette über die Reling und startet den Motor seines Fischerboots, das er vor ein paar Jahren gekauft hat. Aristoteles Marinakis, Bootsbesitzer, gar: Fischereiunternehmer. Das klingt nicht übel.

In einem Land, in dem Männer Aristoteles, Sokrates, Diogenes oder Platon heißen und Mädchen Ismene, Kassandra, Nike oder Xanthippe, bedarf es keiner Ruinen, um die Antike gegenwärtig zu halten.

Denken, um zu denken

Außerhalb Griechenlands indessen scheint die Antike heute verloren zu gehen. Ballast für die Schüler sei der Lateinunterricht, und Griechisch ist aus den Mittelschulen ohnedies nahezu völlig verschwunden. Neu ist das nicht. Selbst der nachmalige Kaiser Franz Joseph klagte über den Wissensballast der alten Sprachen und fragte, zu welchem Zweck er das lernen müsse.

Lebt der Mensch vom Brot allein, oder bestimmt das Denken sein Menschsein? Nicht das zielgerichtete Denken, das auf die Organisation der Lebensnotwendigkeiten hinausläuft, sondern das Denken um des Denkens willen?

Vorsicht, Philosophie lugt um die Ecke!

In ihrer Begleitung kommt gleich die ganze Antike mit, ob wir uns nun dessen bewusst sind oder nicht: Sokrates (469 bis 399 vor Christus), sein Schüler Platon (428 bis 348 vor Christus) und dessen Schüler Aristoteles (384 bis 322 vor Christus) und die Schule der Stoa, um 300 vor Christus von Zenon von Kition begründet, legen die Grundsteine für Denkgebäude, die unvermindert gelten und Reibeflächen bieten. Alles dreht sich um die Fragen: Woher komme ich? Was macht mich aus? Wohin gehe ich? Mitunter scheint es, als sei nicht viel hinzugekommen zur Philosophie der Antike. Die Philosophen jüngerer Tage, so nimmt es sich bisweilen aus, betrachten nur die Vorgaben unter dem Mikroskop ihres Geistes. Sie besehen einzelne Aspekte genauer und befragen ihre kleinsten Einheiten auf Gültigkeit.

Das sieht dann nach etwas Neuem aus, kann es auch sein. Man muss sich das in etwa so vorstellen, als würde man einen Apfel betrachten. Für den Buben, der ihn eben in Vorfreude auf seine frische Süße vom Baum geschüttelt hat, ist er etwas anderes als für den Botaniker, der sich für die Kreuzungen interessiert, aus denen dieser Apfel hervorgegangen ist, und wenn der Physiker diesem Apfel eine Probe entnimmt und an diese immer näher herangeht, landet er letzten Endes beim Apfel-Molekül und dann, letzten Endes, beim Atom.

Unsereiner freilich ist damit gerade - ja, in der Antike gelandet, und zwar bei Lukrez, der in seinem philosophischen Lehrgedicht "De rerum natura" (Über die Natur der Dinge) noch ganz andere radikale Denkansätze postuliert. Für ihn existiert nur die aus Atomen bestehende Materie. Die Seele, die Platon so schön erdacht und Jesus Christus zu einer tragenden Säule seiner Lehre erwählt hat, die Seele also ist für Lukrez sterblich. Götter braucht so einer nicht - doch, sie existieren, aber sie sind funktionslos und können nicht in das Leben der Menschen eingreifen. Das frühe Christentum schloss Frieden mit vielen antiken Philosophen - nicht mit Lukrez. Da brauchte es schon einen Johann Wolfgang von Goethe, um ihn wieder ins Bewusstsein zu bringen. Ein Anhänger des Lukrez war übrigens Albert Einstein, der für die Übersetzung von Hermann Diels ein Vorwort verfasste.

Doch weg vom Begründer der Relativitätstheorie zurück in ältere Zeiten.

Vor allem möge man sich, nähert man sich der Philosophie (und keineswegs nur jener der Antike), vor Augen halten, dass "richtig" und "falsch" keine Kategorien sind. Objektivierbar im Sinn von zwei-plus-zwei-ist-vier ist da gar nichts. Was zählt, ist, das Denkgebäude auf seine Logik zu überprüfen. Damit etwa hatten die Stoiker bisweilen Probleme, wenn sie zwar die Schicksalsgegebenheiten akzeptierten, gleichzeitig aber den freien Menschen mit der Übernahme von Verantwortung postulierten.

Wieso man damals überhaupt so weite Kreise im Denken ziehen konnte, wenn die Menschen doch nicht auf dem heutigen Stand waren? - Nun: Die Menschen der Antike waren nicht dümmer als wir. Was uns Heutige von ihnen unterscheidet, ist nicht das Denkvermögen, es ist die Erfahrung. Diese neu hinzugekommenen Erfahrungswerte können zu neuen Erkenntnissen kombiniert werden. Dadurch mögen sich Denkansätze verschieben oder ändern, doch mit der Intelligenz hat das gar nichts zu tun. Nach wie vor gilt der Satz des Protagoras: "Der Mensch ist das Maß aller Dinge, derer die sind, dass sie sind, und derer die nicht sind, dass sie nicht sind."

Aristoteles, der Universalist

Die Weggabelung zwischen alter und neuer Philosophie bildet wohl das zuvor erwähnte Trio Sokrates-Platon-Aristoteles, das die wenige Jahre später hinzukommende Stoa zum Quartett ergänzt. Eine zentrale Gestalt lässt sich unmöglich benennen. Wenn indessen von Aristoteles etwas mehr die Rede ist als von den anderen, dann hängt das, um einen aktuellen Bezug zu erwähnen, im Moment mit seinem halbwegs runden 2400. Geburtstag zusammen, viel mehr aber noch mit der Universalität seiner Lehre.