Überbleibsel spürbar

Das alles ist freilich lange her. Mit der europäischen Kolonialarmee fand auch die homophobe Sexualmoral des Westens Einzug in die einst liberale islamische Welt. Und auch die Gegenbewegung zum Einfluss des Westens - der Islamismus des 19. und 20. Jahrhunderts - wandte sich gegen jene liberalen Gesellschaftsentwürfe, die über Jahrhunderte das Liebes- und Sexleben der islamischen Welt geprägt hatten. Der Einfluss von Islamismus und Kolonialismus geht in islamischen Gesellschaften so tief, dass vielen Muslimen ihre eigene Sexualtradition heute unangenehm ist. Von der sexuellen Vielfalt früherer Tage sind die meisten Muslime heute ebenso entfremdet wie ihre westlichen Gleichaltrigen. Homophobie vom skeptischen Blick bis hin zum staatlich legitimierten Mord gehören in der islamischen Welt heute zum Alltag. Im Sudan, Jemen, Iran, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten droht Homosexuellen die Todesstrafe.

Und dennoch sind auch heute noch in der islamischen Welt Überbleibsel vergangener Zeiten spürbar. Auf den Straßen arabischer Städte laufen Männer noch immer Hand in Hand, sind Küsse selbstverständliches Begrüßungsritual. Ohne, dass jemand auf die Idee käme, dies als "schwul" zu verurteilen.

Auch der Attentäter von Orlando soll regelmäßig in dem Nachtclub verkehrt haben, in dem er am Sonntag 49 Menschen hinrichtete. Vielleicht tat er dies nicht obwohl, sondern gerade weil er Muslim war. Abwegig? Mit Sicherheit! Genauso abwegig, wie seine Tat allein mit seiner Religion erklären zu wollen.